Montag, 14. Juni 2010

Besetzung des Cafe Ventuno

Am Mittwoch der vergangenen Woche überraschte eine Nachricht den Campus:
Hallo Leute! Kommt beim Ventuno vorbei. Es wird soeben temporär besetzt. Organisatorin ist die alte Hörsaal 1-Gruppe, die mit der Aktion in diesem nicht verwirklichten und angedachten Freiraum auf die nicht verwirklichten politischen Forderungen des Wintersemesters hinweisen möchte. NDR, Landeszeitung und dpa sind informiert. (...) Die Besetzung hat den Abschluss der Hochschulwahl nicht behindert und nimmt den Raum erst nach der Auszählung ein. [1]
Eine weitere Email der Besetzer erläuterte die Ziele etwas näher:
Die "Freisetzung" wird bis Freitag um 12.00 laufen, bis dahin seid ihr und sind Sie herzlich eingeladen, vorbeizukommen und mit uns eine angewandte Kurzzeit-Fallstudie zum Thema "Freiräume auf dem Campus" durchzuführen. (...) Wir Besetzer_innen sind keine einheitliche Gruppe, und haben auch keine homogene Meinung. In einigen Dingen sind wir uns aber einig, und vielleicht stimmt ihr uns ja zu... 1) In Sachen Bildungspolitik hat sich seit dem Bildungsstreik nicht viel verbessert. Klar, da gabs so ne Bologna-Konferenz mit Frau Ministerin Schavan, ´ne AG Bologna beim niedersächsischen Wissenschaftsministerium, und Herr Spoun hat auch nochmal per Rundbrief betont, das die Anwesenheitspflicht zumindest didaktisch begründungspflichtig ist. Juhu. 
Gleichzeitig kürzt z.B. Schleswig-Holstein die Uni Lübeck und Flensburg in Grund und Boden, wird in Hessen das Bildungswesen um 75 Mio. "strukturoptimiert", Schulreformen werden blockiert oder vermurkst. 
Daher steht unsere Aktion auch im Zusammenhang mit dem bundesweitem Bildungsstreik, bei dem heute nach ersten Hochrechnungen über 80.000 SchülerInnen, Studierenden und andere Bildungsbetroffene bei 60 Demos für ein besseres und soziales Bildungssystem auf die Straße gingen (www.bildungsstreik2010.de). Zum generellen Thema Sozialabbau greift zu einer Tageszeitung/News-Homepage eurer Wahl. 2) Wir finden, das ein selbstverwalteter Freiraum, unkommerziell und ohne Verzehrpflicht, offen für Studierende und andere Unimitglieder, der Veranstaltungen diverser Art, Austausch innerhalb der Uni und mit der Stadt fördernd... FEHLT. 
Klar, es gibt die Mensa, das AStA-Wohnzimmer und die Cafhete. Aber die Mensa gehört dem Studentenwerk, das Wohnzimmer zum AStA, und die Cafhete ist im Roten Feld. Würdet ihr für einen Kaffee und Klönschnack den Campus wechseln? Abgesehen davon ist das Rote Feld bald Geschichte... [2]
Als Mitarbeiter und Student fragt man sich nun, was denn das Cafe Ventuno mit derart politischen Forderungen zu tun hat. Auch dazu wird eine Begründung mitgeliefert:
3) Warum das Ventuno? Nun, einige Vorkommnisse der jüngsten Zeit (KoKo, Zwerge e.V., Wagenburg) lassen vermuten, das Campus das eigene Leitbild der (sozialen) Nachhaltigkeit nicht mehr ganz konsequenz umsetzt. Das wollen wir thematisieren, indem wir diesen leerstehenden Raum kurzzeitig einer öffentlichen Nutzung zuführen. Ausserdem: "Ob Familien– oder Geschäftsfeier - je nach Anzahl Ihrer Gäste haben wir verschiedene Räumlichkeiten, die Sie für Ihre Veranstaltung mieten können. Wir legen großen Wert auf Privatsphäre und reservieren die Räume exklusiv für Ihre Veranstaltung. So tragen wir dazu bei, dass Sie Ihre Feier im vertrauten Kreis unbeschwert gestalten können. Unsere Küche bietet vielfältige, internationale Spezialitäten und eine persöhliche Beratung an. Auch bei der Vermittlung eines DJs kommen wir Ihren Wünschen gerne entgegen.(www.campuslueneburg.de)" Schon ganz nett, aber was hat das auf einem Campus zu suchen? [2]
Durchaus eine berechtigte Frage. Allerdings stellen sich auch ein paar andere:

  • Was bringen solche kurzzeitigen Symbolaktionen? Müsste man sich nicht vielmehr an anderer Stelle politisch einbringen?
  • Die Studenten haben doch z.B. das AStA-Wohnzimmer. Warum nutzen sie es nicht? Freie Termine gibt es offenbar genug [3]. Der AStA gehört doch den Studenten.
  • Im neuen Zentralgebäude wird es Räume für Studenten geben. Warum warten sie nicht einfach ab?


Inzwischen ist die "Besetzung" wieder vorbei und alles beim Alten. An der Begründung für solche Aktionen wird man noch etwas feilen müssen. Oder doch nicht?

Quellen:
[1] Café Ventuno wird temporär besetzt; Email über Listserver der Universität, 9. Juni, 14 Uhr
[2] Ventuno besetzt!; Email über Listserver der Universität, 10. Juni, 04:22 Uhr
[3] http://www.asta-wohnzimmer.de

Kommentare:

  1. Frage:
    * Was bringen solche kurzzeitigen Symbolaktionen? Müsste man sich nicht vielmehr an anderer Stelle politisch einbringen?*

    Aktionen und dauerhaftes Engagement können sich ergänzen und Hand in Hand gehen. Für bestimmte Ziele wie Details von Studien- und Prüfungsordnungen, mögen die vorgesehenen Gremien mit studentischer Beteiligung durchaus sinnvoll sein.
    Für andere Ziele, wie die öffentliche Artikulation von Protest gegen die herrschende Bildungspolitik oder eben Hinweise auf das eklatante Fehlen von freien Räumen auf dem Campus bergen öffentliche Aktionen bessere Chancen.
    Natürlich greifen beide Formen der politischen Einmischung ineinander, denn sie beziehen sich auch gegenseitig auf Ergebnisse, Ereignisse und Informationen der anderen Sphäre.

    Ganz praktisch an diesem Beispiel: Die Besetzung des Café Ventuno konnte (vorübergehend) zeigen wie ein studentischer Freiraum auf diesem Campus aussehen könnte, wie angenehm und praktisch unverplante Räume zum Lernen, Kaffee-trinken und sich Treffen sein können. Keine Senatsdiskussion und keine Pressemitteilung allein hätte das schaffen können.
    So konnte die eingeschlafene Diskussion aus dem Wintersemester wieder angestoßen werden und es entstehen sowohl für die Vertreter_innen in den Gremien Möglichkeiten die Debatte wieder aufzunehmen, als auch für direkte Gespräche mit z.B. dem Präsidium.

    Dahinter verdienen die studentischen Beteiligungsmöglichkeiten auf jeden Fall noch detaillierter Betrachtungen. Es gibt sie zwar, doch welche Einwirkungsmöglichkeiten eröffnen sie der größten Statusgruppe der Uni wirklich? Ist es den einzelnen Interessierten finanziell und zeitlich möglich sie wahrzunehmen? Wie ernst werden sie von Studis und Profs, Präsidium usw. genommen?

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  2. ein zweiter Student21. Juni 2010 um 08:31

    ...die Besetzung des Ventuno steht für mich für die Auseinandersetzung an mehreren inhaltlichen Punkten:

    1. Kontext Bildungsprotest - einfach eine kleine Aktion, die darauf hinweist, dass die bemängelten Zustände vom Herbst letzten Jahres noch lange nicht behoben sind.
    2. Kontext Campusprivatisierung:
    Die Uni verkauft oder verpachtet Gelände oder Gebäude - diese werden fortan unter kurzfristig wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben, nicht mehr unter dem Gesichtspunkt "Wie sollte eine Uni aussehen, die ein gutes Studium ermöglicht?". So steht das Ventuno im Moment leer, weil sich der Betrieb wirtschaftlich nicht rechnet.
    Das Präsidium betreibt mit Zentralgebäude (auch dort werden Flächen verpachtet), Hotel und Parkhaus denselben Entzug und Privatisierung von Flächen. Die Ergebnisse werden ähnlich sein.
    3. An der Uni herrscht allgemeine Raumnot und das Ventuno steht leer. Das allein rechtfertigt eine Aktion wie eine Besetzung.

    Die verschiedenen Ansatzpunkte einer Kritik hätten während der Besetzung besser vermittelt werden können - da geb ich Leuphanawatch recht. Trotzdem bleibts eine ganz gute Aktion. Nicht zuletzt der Überschreitung bestimmter (nicht von uns gesetzter) Normen.
    Beste Grüße!
    PS: Manchmal scheint mir, dass auch das STupa nicht viel mehr als eine "symbolische Aktion" ist. ;-)

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  3. Hier noch eine kurzes Video mit Erklärungen zur Besetzung:

    http://www.youtube.com/watch?v=s-CODoHvvmc

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