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Samstag, 31. März 2012

Kein Hauch von 68: Auswege (3/3)

LeuphanaWatch beendet mit einem letzten Teil seine Reihe über den Essay "Kein Hauch von 68" [1] der Senatoren Maset und Steinert im Magazin "Kultur & Gespenster" [2]. Sie unternehmen einen "zweistimmigen Versuch zur unlustigen / irrsinnigen / wahnwitzigen Lage an den deutschen Hochschulen" [1] am Beispiel der Leuphana Universität Lüneburg. LeuphanaWatch berichtete bereits über die von den Senatoren beobachtete Übernahme der Hochschulen und über Leuphana als Viagra der Exzellenzinitiative. Im letzten Teil der Reihe geht es nun um Fluchträume für kritische Geister und die Frage, wie fatale Entwicklungen korrigiert werden können.

Auswege

Die Senatoren beschreiben zunächst noch einmal den derzeitigen Gefühlszustand vieler Menschen in der deutlichen Hochschullandschaft und dessen Konsequenzen.
"Diese Handlungsohnmacht lässt selbst gewillte Geister in Reglosigkeit erstarren. So bleibt der Sturm auf die Ministerien bisher aus und die inhaltlich-politischen Aushandlungen finden zugunsten ökonomischer Lösungen nicht statt. Die eigene Unsicherheit und die fremde Übermacht sind mittlerweile so groß, dass Wissenschaftler zu bloßen Theoretikern mutieren, die kritische Inhalte als Lehrstoff rezitieren, aber nicht mehr auf die Handlungsebene übertragen. Das macht geistige Errungenschaften gleichgültig und zu konsumierbaren Häppchen. In den Seminarräumen lernen die Studierenden, wie sich der praktische Anspruch in Luft auflöst, während Diskurse auf Aussagen fremder Köpfe beschränkt bleiben. Intellektualität kann hier verbreitet nur noch in einem mentalen Untergrund überleben, da sie sonst von den »Weltgestaltern« als »kreatives Potenzial« technokratisch erfasst und outputmäßig vernutzt wird." [3]
Maset und Steinert verweisen auf "Nicht-Sichtbarkeit" und "Nicht-Identifizierbarkeit" als mögliche Handlungsmaximen. Darin sehen sie für Intellektuelle im aktuellen Umfeld die einzige Überlebenschance [3]. Perspektivisch kann das jedoch nicht zufrieden stellen. Es sind deshalb Lösungen gefragt. Die Verfasser entwickeln daher fünf Ansätze. LeuphanaWatch stellt sie vor:

1) Wissenschaft zurück in die Gesellschaft
Pierangelo Maset und Daniela Steinert fordern, dass Wissenschaft (wieder) zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema werden muss. Dabei sei die Verankerung in der Gesellschaft zu thematisieren.
"Um Hochschulen nicht zur Zuchtanstalt einer gleichförmigen Elite verfallen zu lassen, muss die Diskussion um die gesellschaftliche Verankerung von Hochschulen zwischen Staatsferne, Autonomie und Wirtschaftseinfluss aufgenommen werden – um sie denjenigen zu entreißen, die mit dem Kampfbegriff der Autonomie die Angst vor staatlichen Übergriffen schüren, um sich selbst Vorteile zu verschaffen." [3]

2) Worthülsen enttarnen, neue Begriffe und freie Organisationen schaffen
Eine besondere Bedeutung wird der Entzauberung der leuphanisierten Sprache beigemessen. Dabei muss es darum gehen, angemessene Begriffe zu finden. Sie sollen Ziele beschreiben und nicht verschleiern.
"Fight Newspeak! Was an den Hochschulen (und im gesamten Bildungswesen) passiert, müssen wir neu zu benennen lernen: Die Vokabeln des New Management sind sprachkritisch auseinanderzunehmen. Neue Begriffe sind zu finden, um die Verhältnisse zu beschreiben und für neue Aushandlungen zu öffnen." [3]
Die Verfasser denken an Begriffe wie "Neuausrichtung", die beispielsweise mit "Übernahme" übersetzt werden könnten [4].

3) Fluchtlinien für den Geist
Widerständigem Handeln muss ein Sinn zugeordnet werden. Er muss über ein in der aktuellen politischen Lage absehbares Scheitern hinausreichen.
»Solange der Widerstand keine absehbaren Chancen hat, faktisch neue Bedingungen zu setzen, die das politische System zur Veränderung zwingen, solange es allenfalls das System zwingt, auf die in ihm eingebauten Zwangsmechanismen zurück zu greifen, stehen alle Aktionen in der Ambivalenz zwischen Willensbekundung und Systemveränderung. In der gegenwärtigen Phase kommt es darauf an, diese Ambivalenz zu stabilisieren und ihr dadurch ein Veränderungspotential abzugewinnen. Die Ambivalenz stabilisieren: das bedeutet, den Widerstand mit einem Selbstbewusstsein führen und das Widerstandspotential mit einem Selbstbewusstsein ausstatten, das es erlaubt, die Bereitschaft zum Widerstand auch über dessen voraussehbares Scheitern hinweg zu retten.« [5]
Ei "noch in den Spiegel schauen können" könnte als Anstoßmotivation herhalten.

4) Das Außen suchen
Als Schlüssel zur Lösung der verfahrenen Lage sehen Maset und Steinert den Weg in die Öffentlichkeit. Nur durch diese könne gesellschaftlicher Druck entstehen, der von außen Veränderungen erzwingt.
"In einem geschlossenen, dogmatischen System führt nur der Weg in die Öffentlichkeit zu einem Wandel, da jeder interne Partizipationsversuch an den Machtstrukturen scheitert. (...) Denn die größte Chance liegt in externem – politischem und zivilgesellschaftlichem – Druck: Die Totalität des Systems wird untergraben, indem die Marke Schaden zu nehmen droht. Auf diesem Weg ist es möglich, den Profilierungszwang gegen sich selbst auszuspielen." [6]

5) Neue Formen von Meuten und Schwärmen
"Arm, aber sexy!" Was für die Hauptstadt gilt, könnte auch an Hochschulen zur Leitidee werden. Das mag überraschen, aber die Verfasser meinen:
"Unter den derzeitigen Umständen sollten die Bildungsinstitutionen lieber offensiv das Hohelied der Armut anstimmen und sich von der hinterhältigen, geistestötenden und spießigen Unternehmens- und Exzellenz-Ausrichtung abwenden. Denn diese ist nichts anderes als eine Sackgasse. Außerdem: Ein guter, geistreicher Satz pro Semester ist wichtiger als das Drittmittel-Geflacker der Technokraten, aus deren Projekten nur in den seltensten Fällen interessante Forschung entsteht." [7]
Ein geändertes Verhältnis zum Streben nach Drittmitteln reicht allerdings nicht aus. Maset und Steinert fordern mehr, nämlich Eigeninitiative. Was innerhalb des Bildungssystems nicht mehr möglich sei, müsse temporär außerhalb organisiert werden.
"Wo es nötig ist, den Geist zu retten, müssen sich Forschende, Lehrende und Studierende sowie Schüler und Menschen aller Gesellschaftsbereiche zusammenschließen, um in freien Organisationen das wiederzubeleben, was das Bildungssystem einzulösen nur noch verspricht: einen partizipativen, offenen und diskursiven Raum, der Bewusstsein ermöglicht." [8]

Fazit:
Mit all ihren Vorschlägen möchten die Senatoren dabei helfen, ein Widerstandsgefühl zu schaffen. Dieses ist schließlich Grundvoraussetzung dafür, dass nötige Veränderungen überhaupt thematisiert werden. Und die Möglichkeit von Veränderungen ist Anlass zu Hoffnung. Denn:
"Ein Zurückfinden zur Wissenschaft in ihrer unteilbaren Eigenschaft als kritische Praxis bietet den Boden für die Überwindung der unternehmerischen Hochschule." [8]

Nachweise
[1] Pierangelo Maset / Daniela Steinert: Kein Hauch von 68, in: Kultur & Gespenster, Ausgabe 13 "Stabile Seitenlage", Winter 2012, S. 65 - 83
[2] http://www.kulturgespenster.de
[3] Seite 81
[4] Seite 81 f.
[5] Worte der "Politischen Universität Frankfurt von 1968", zitiert nach Seite 82
[6] Seite 82
[7] Seite 82 f.
[8] Seite 83

Samstag, 24. März 2012

Kein Hauch von 68: Viagra der Exzellenzinitiative (2/3)

LeuphanaWatch setzt seine Reihe über den Essay "Kein Hauch von 68" [1] der Senatoren Maset und Steinert im Magazin "Kultur & Gespenster" [2] fort. Sie unternehmen einen "zweistimmigen Versuch zur unlustigen / irrsinnigen / wahnwitzigen Lage an den deutschen Hochschulen" [1] am Beispiel der Leuphana Universität Lüneburg. LeuphanaWatch berichtete in der vergangenen Woche bereits über die von den Senatoren beobachtete Übernahme der Hochschulen. Dass beide Verfasser eine kritische Sichtweise haben dürfte hinlänglich bekannt sein. In dieser Woche steht daher mehr ihre Beobachtung der Situation an der Leuphana Universität Lüneburg im Fokus und weniger die Beurteilung selbiger. Es wird erneut versucht, durch Schlaglichter auf einzelne Passagen eine inhaltliche Annäherung an den Kern des umfangreichen Gesamttextes zu schaffen.

Das Viagra der Exzellenzinitiative
"Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich mitten auf einem Campus und sind umgeben von nagelneuen Luxuskarossen und eleganten Anzugtragenden, die mit einheitlichen Aktentaschen am makellos jungen Körper gen Hörsaal streben. Einlass auf dem Campus wurde Ihnen per identity card gewährt und beim Betreten des Hörsaals bekommen Sie nicht nur eine Gratis-Cola in die Hand gedrückt, sondern auch vor Beginn der Vorlesung einen bunten Werbespot aufs Auge.
Nun stellen Sie sich vor, dass diese verfilmte Satire (www.leuphana.de.vu) aus ursprünglich kritischer Feder stammt, aber vom amtierenden Präsidenten der Leuphana (Universität Lüneburg) als erfolgreiche >>virale Kommunikationsstrategie<< zugunsten der Bildungsanstalt gelobt wird. Vergegenwärtigen Sie sich, dass sich Menschen, die den Film als offizielles Hochschulmarketing interpretierten, locken ließen und sich erst daraufhin an der Hochschule bewarben. Wo befinden wir uns, dass eine solche Ironie das Versagen des deutschen Bildungssystems zugunsten elitärer Allüren dokumentiert?" [3]
Markanter lassen sich die Veränderungen der Leuphana Universität Lüneburg im Zuge der sogenannten "Neuausrichtung" - früher auch "Leuphanisierung" genannt - nicht darstellen. Diese Veränderungen verstehen Pierangelo Maset und Daniela Steinert "gemessen an diskursiven, demokratisch konstituierten Universitäten" als einen "Akt der feindlichen Übernahme." [3] Aber auf welchen Beobachtungen basieren ihre Beurteilungen und Analysen?

Die Senatoren weisen prominent auf das Spannungsfeld zwischen Freiheit und den vor allem organisatorischen Vorgaben der Leuphana Universität Lüneburg hin.
"Die Leuphana will eine wegweisende Einrichtung zur Gestaltung der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts sein, eine Brutstätte von Exzellenz, eine Gemeinschaft, die im Zusammenhalt Großes erreichen will. Dem vermeintlich Freiheitlichen aber korreliert ein Fundament, welches reglementierende, außeruniversitäre Wertigkeiten in die Institution betoniert." [3]
Die vermeintlich freiheitliche Entwicklung wird in ein Zwangskorsett gezwängt. Die Persönlichkeit soll in mundgerechten Häppchen entwickelt werden. Die Vorgaben sollen "fehlerhafte" Entwicklungen verhindern und die Nutzung der Freiheit in eine festgelegte, eine "sinnvolle" Richtung lenken.
"Die emotional bindenden Kernbotschaften der Marke (Leuphana, LW) sprechen den Menschen individuell-persönlich an und erwecken den Schein einer freiheitlichen Selbstverwirklichung. Parallel dazu wird jedoch nicht nur die Zeit der Studierenden und Lehrenden durch getaktete Stundenpläne, überfrachtete Studiensysteme sowie ständige Leistungskontrollen rationiert und besetzt, sondern auch die Persönlichkeit als solche fest definiert: Kompetenzvorgaben zerteilen und reduzieren Menschen auf messbare >>skills<<, die in serviceorientierten und standardisierten Modulen erlernt werden." [4]
Die "Lenkung" der freiheitlichen Entfaltung sowohl von Studenten als auch von Dozenten sehen die Verfasser im Wesentlichen u.a. durch die Notwendigkeiten der Markenbildung begründet. Diese kann leicht scheitern, wenn zu viele Individuen ausscheren.
"(...) die gemeinsame Ausrichtung der Universitätsmitglieder [ist] Voraussetzung dafür, die Marke >>Leuphana<< einheitlich und somit glaubwürdig führen zu können. Die Achillesferse der unternehmerischen Hochschule ist somit der Spagat zwischen dem Versprechen einer persönlichen Entwicklung und der Notwendigkeit einer intakten Marke, alle Mitglieder müssen in den Kanon der propagierten Werte einsteigen." [4]
Um Probleme mit der aufwändig aufgebauten Marke Leuphana Universität Lüneburg zu vermeiden und die Zielsetzung der unternehmerischen Hochschule zu verwirklichen, findet eine grundsätzliche Wandlung des wissenschaftlichen Gemeinwesens statt.
"Die Hochschulleitung übernimmt weitestgehend die Handlungsmacht, macht den Fakultäten die bisherigen Hoheitsrechte wie beispielsweise Berufungen streitig, selektiert Fachbereiche nach Effizienzkriterien und zerstört durch den entstehenden internen Konkurrenzkampf die Wissenschaftsgemeinschaft." [5]
Im Sinne einer gezielten Steuerung von Entscheidungen muss auch die "Wunderwaffe" gesehen werden:
"Besonders kennzeichnend aber ist das Schüren der Angst vor einer Schließung der Universität. Diese Gefahr aber verleiht der Machtfrage messianische Züge." [6]
All dies kann nicht ohne Konsequenzen bleiben. Es wirkt sich auf dem Wege einer "weichen Steuerung" auf die Mitglieder der Hochschule aus.
"Die verfassungsrechtlich festgelegten Rechte und Pflichten der Freiheit von Forschung und Lehre werden dabei in der Praxis durch die informellen Regeln des Leistungsprinzips und der Gefolgschaft nach und nach außer Kraft gesetzt." [5]
Maset und Steinert wollen festgestellt haben, dass die Leistungskultur eindimensional auf das kapitalbringende Ergebnis ausgerichtet ist, aber als "System der Freiheit" umgedeutet wird [5]. Dieses vermeintlich freiheitliche System treibt absurde Blüten: Es führt zu einer Trennung zwischen den in Forschung und Lehre propagieren Inhalten und dem eigenen Handeln. Das verdeutlichen die Verfasser am Beispiel der Kunst an der Leuphana Universität Lüneburg.
"Was wird in einem System totaler Nutzbarmachung aus der Kunst? An der Leuphana entschwindet Kunst als kritische Bestandsaufnahme von Gesellschaft und Kultur zu einer Fata Morgana, was durch Begriffe wie >>Kreativitätswirtschaft<< (...) deutlich wird, in deren Wirrnissen sich auch viele der Lehrenden verstrickt haben." [6]
Als Beispiel verweisen Maset und Steinert auf einen Antrag auf Fördermittel des Innovationsinkubators, den LeuphanaWatch im vergangenen Herbst veröffentlichte. Weiter heißt es dann mit Bezug auf die Kunst, aber sicherlich mit einer auf andere Bereiche übertragbaren Bedeutung:
"Vorgeblich das Progressive propagiert, aber dann doch mitgeholfen, der (...) >>neoliberalen Invasion<< zum Erfolg zu verhelfen! (...) Die Doppelstrategie besteht darin, einerseits (...) als >>kritische Akteure<< mit avanciertem Bewusstsein aufzutreten, andererseits aber genau das mit zu fördern und zu verteidigen, was doch eigentlich im Zentrum ihrer Kritik stehen müsste." [7]
LeuphanaWatch meint: Es wäre interessant zu wissen, ob die Beobachtungen unabhängig von der persönlichen Bewertung von breiten Teilen der Leuphana Universität Lüneburg geteilt werden. Oder herrscht gar eine gänzlich andere Wahrnehmung vor und bereits die Beobachtungen sind Gegenstand des Streits zwischen den Fraktionen? Wie könnte eine gemeinsame Feststellung des Ist-Zustandes und der ablaufenden Mechanismen aussehen? Es sind solche Fragen, die zu beraten sein werden. Sonst wird es nicht gelingen auf eine Ebene der inhaltlichen Debatte zurückzufinden. Und die ist nach Monaten erbitterter Grabenkämpfe dringender denn je zu führen. Die Senatoren Maset und Steinert haben mit ihrem Diskussionsbeitrag einen Anstoß gegeben. Möge er aufgegriffen werden.

Im dritten und letzten Teil dieser Reihe geht es in der nächsten Woche um Fluchträume für kritische Geister und die Frage, wie fatale Entwicklungen korrigiert werden können.

LeuphanaWatch-Leseempfehlung:
Pierangelo Maset / Daniela Steinert: Kein Hauch von 68, in: Kultur & Gespenster, Ausgabe 13 "stabile Seitenlage", Winter 2012, S. 65 - 83 (erhältlich z.B. am Bahnhofskiosk, bei Unibuch, per online-Bestellung oder über die Fernleihe der Bibliothek)

Nachweise
[1] Pierangelo Maset / Daniela Steinert: Kein Hauch von 68, in: Kultur & Gespenster, Ausgabe 13 "Stabile Seitenlage", Winter 2012, S. 65 - 83
[2] http://www.kulturgespenster.de
[3] Seite 73
[4] Seite 74
[5] Seite 75
[6] Seite 78
[7] Seite 79

Freitag, 16. März 2012

Kein Hauch von 68: Übernahme der Hochschulen (1/3)

Der Präsident einer Hochschule freut sich über bundesweite Publicity, aber beim Blick in die aktuelle Ausgabe des Magazins "Kultur & Gespenster" [1] dürfte Sascha Spoun das Blut in den Adern gefrieren. Unter dem Titel "Kein Hauch von 68" [2] rechnen zwei Lüneburger Senatoren mit dem deutschen Hochschulwesen ab. Ihr Beispiel: die Leuphana Universität Lüneburg. Prof. Dr. Pierangelo Maset und die studentische Senatorin Daniela Steinert unternehmen einen "zweistimmigen Versuch zur unlustigen / irrsinnigen / wahnwitzigen Lage an den deutschen Hochschulen" [2]. Mit provokanten Thesen fassen sie durchaus pointiert, aber trefflich ihre Sicht der Dinge zusammen. LeuphanaWatch berichtet in einer kurzen Reihe über den lesenswerten Essay und versucht durch Schlaglichter auf einzelne Passagen eine inhaltliche Annäherung an den Kern des umfangreichen Gesamttextes.

Übernahme der Hochschulen

Zunächst widmen sich die Verfasser der allgemeinen Entwicklung des Hochschulsystems, welches sich nach ihrer Ansicht von der Öffentlichkeit kaum registriert dramatisch verändert.
"Weitgehend unbemerkt von einer größeren Öffentlichkeit oder lediglich Achselzuckend kommentiert, hat sich in den letzten Jahrzehnten ein einschneidender Wandel in unseren Bildungsinstitutionen vollzogen, ein Wandel, der für die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung heftige Auswirkungen haben wird. Die Reformen, die im Zeichen des sogenannten Bologna-Prozesses gegenwärtig eine Überbietung aller Bürokratie-Albträume realisiert haben, verbanden konsequent das bürokratische italienische Hochschulsystem mit dem kontrollintensiven angelsächsischen. (...) Dabei hat die EU sich niemals auf ein gemeinsames - inhaltliches - Verständnis von >>Bildung<<, >>Wissenschaft<< oder etwa >>Qualität<< geeinigt. Vielmehr ist sie eben auch hier nur eines: eine Wirtschaftsgemeinschaft, die Strukturen Output-orientiert gestaltet und umformt." [3]
Derartige Veränderungen fassen Maset und Steinert unter dem Schlagwort der "unternehmerischen Hochschule" zusammen. Diese verdrängt Mitbestimmung sowie die Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend durch Bürokratie und Verwertungslogik. Im Alltag ist der Wandel deutlich spür- und sichtbar:
"Im Zentrum der >>unternehmerischen Hochschule<< stehen nicht mehr vorrangig Erkenntnis und Wahrheitssuche, sondern zunehmend die Einwerbung von Mitteln und der Vertrieb der Marke sowie das gehetzte Ringen um mediale Aufmerksamkeit. Hart erarbeitete Steuergelder werden an peinliche Marketingabteilungen verteilt, die statt dem Ziel, einer chancengerechten Wissensvermittlung zu dienen, mit hohlen Werbeslogans ein >>Ringen um Talente<< entfesseln." [4]
Eine den Hochschulen bislang fremde Kultur hat Einzug gehalten, die eindeutig durch den Diskurs der BWL geprägt ist. Sie wird zwangsläufig zu einer Zerstörung des Zielbildes der "demokratischen Hochschule" führen.
"Exzellenz-Rhetorik, begleitet von durch BWL-Kennzahlen korrumpierte Forschung und Lehre halten ihren Einzug in die Hochschulen ebenso wie ununterbrochene Preisverleihungen und sinnwidrige Prestigeprojekte: (...) Von der Exzellenzinitiative bis zur Einäscherung eines freiheitlich-demokratischen Bildungswesens ist es jedoch nur noch ein kleiner Schritt. Ein Schritt, der stets begleitet ist von Kosten-Nutzen-Rechnungen, Stärken-Schwächen-Gegenüberstellungen und den viel zitierten >>Qualitätssicherungen<<." [5]
All das geht an den Angehörigen der deutschen Hochschulen nicht spurlos vorbei. Es finden grundsätzliche Neudefinitionen der Aufgaben und des Selbstverständnisses von Wissenschaftlern und Studenten statt. Die Senatoren formulieren so:
"Heute an einer Hochschule zu arbeiten heißt häufig, sich ununterbrochen mit Selbstmanagement zu befassen, gezwungen zu sein, zum Reputationssammler zu verkommen (...)." [6]
"Heute an einer Hochschule zu studieren heißt, im universitären Assessment-Center unentwegt Gesten nachzuahmen, um das Ich-Kapital als einzigartig und optimierungsfähig auszuweisen." [6]
Gerade für die Studenten beschränken sich die Auswirkungen nicht nur auf das Studium selbst, sondern wirken erheblich in das Verständnis des gesamten Lebensabschnitts und die persönliche Entwicklung hinein. Auch die studentische Vertretung wandelt sich grundlegend.
"Die Inflation von projekthaft organisiertem Engagement und der Wille zur >>Partizipation<< erstreckt sich weitestgehend auf nur bedingt selbst organisierte Angebote, die sich zum einen gut im Lebenslauf machen und zum anderen oft in pseudo-kritischer Manier einer fortschrittsgläubigen Selbstbeweihräucherung anheimfallen. Die Studierendenschaft als außerparlamentarische politische Kraft und als national vernetzte Actrice hat sich weitgehend von der Bühne verabschiedet." [7]
LeuphanaWatch findet: Es sind klare Worte, die zwei erfahrene Hochschulpolitiker hier äußern. Und sie sind überfällig. Die Debatte prägten bislang umfangreiche und (selbst)beweihräuchernde Auslassungen der Befürworter der stattfindenden Entwicklung. Dass nun weitere Akteure der Gegenseite ihren Hut mit Wucht in den Ring werfen, macht Mut für die Zukunft. Zumindest verspricht es die Möglichkeit, einem wichtigen Diskurs mehr Leben einzuhauchen. Es gehört in die öffentliche Diskussion, was derzeit an den deutschen Universitäten vonstatten geht. Schließlich betreffen die Veränderungen vordergründig nur die Hochschullandschaft, wirken sich tatsächlich aber in erheblichem Maße auf die Gesellschaft als Ganzes aus. Sie muss die demokratische Kontrolle über die Zielsetzungen im Hochschulwesen wiedererlangen - eine Bestandsaufnahme samt Diskussion sind erste Schritte auf diesem Weg. Der Essay aus Lüneburger Feder kann dazu beitragen und sollte weite Beachtung finden.

LeuphanaWatch-Leseempfehlung
Pierangelo Maset / Daniela Steinert: Kein Hauch von 68, in: Kultur & Gespenster, Ausgabe 13 "stabile Seitenlage", Winter 2012, S. 65 - 83 (erhältlich z.B. am Bahnhofskiosk, bei Unibuch oder per online-Bestellung)

Im zweiten Teil dieser Reihe geht es in der nächsten Woche um die Leuphana Universität Lüneburg als das "Viagra der Exzellenzinitiative" [8].

LeuphanaWatch dankt für den Themenhinweis.
[1] http://www.kulturgespenster.de
[2] Pierangelo Maset / Daniela Steinert: Kein Hauch von 68, in: Kultur & Gespenster, Ausgabe 13 "stabile Seitenlage", Winter 2012, S. 65 - 83
[3] Seite 67 f.
[4] Seite 71
[5] Seite 68
[6] Seite 66
[7] Seite 66 f.
[8] Seite 73