Auswege
Die Senatoren beschreiben zunächst noch einmal den derzeitigen Gefühlszustand vieler Menschen in der deutlichen Hochschullandschaft und dessen Konsequenzen.
"Diese Handlungsohnmacht lässt selbst gewillte Geister in Reglosigkeit erstarren. So bleibt der Sturm auf die Ministerien bisher aus und die inhaltlich-politischen Aushandlungen finden zugunsten ökonomischer Lösungen nicht statt. Die eigene Unsicherheit und die fremde Übermacht sind mittlerweile so groß, dass Wissenschaftler zu bloßen Theoretikern mutieren, die kritische Inhalte als Lehrstoff rezitieren, aber nicht mehr auf die Handlungsebene übertragen. Das macht geistige Errungenschaften gleichgültig und zu konsumierbaren Häppchen. In den Seminarräumen lernen die Studierenden, wie sich der praktische Anspruch in Luft auflöst, während Diskurse auf Aussagen fremder Köpfe beschränkt bleiben. Intellektualität kann hier verbreitet nur noch in einem mentalen Untergrund überleben, da sie sonst von den »Weltgestaltern« als »kreatives Potenzial« technokratisch erfasst und outputmäßig vernutzt wird." [3]Maset und Steinert verweisen auf "Nicht-Sichtbarkeit" und "Nicht-Identifizierbarkeit" als mögliche Handlungsmaximen. Darin sehen sie für Intellektuelle im aktuellen Umfeld die einzige Überlebenschance [3]. Perspektivisch kann das jedoch nicht zufrieden stellen. Es sind deshalb Lösungen gefragt. Die Verfasser entwickeln daher fünf Ansätze. LeuphanaWatch stellt sie vor:
1) Wissenschaft zurück in die Gesellschaft
Pierangelo Maset und Daniela Steinert fordern, dass Wissenschaft (wieder) zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema werden muss. Dabei sei die Verankerung in der Gesellschaft zu thematisieren.
"Um Hochschulen nicht zur Zuchtanstalt einer gleichförmigen Elite verfallen zu lassen, muss die Diskussion um die gesellschaftliche Verankerung von Hochschulen zwischen Staatsferne, Autonomie und Wirtschaftseinfluss aufgenommen werden – um sie denjenigen zu entreißen, die mit dem Kampfbegriff der Autonomie die Angst vor staatlichen Übergriffen schüren, um sich selbst Vorteile zu verschaffen." [3]
2) Worthülsen enttarnen, neue Begriffe und freie Organisationen schaffen
Eine besondere Bedeutung wird der Entzauberung der leuphanisierten Sprache beigemessen. Dabei muss es darum gehen, angemessene Begriffe zu finden. Sie sollen Ziele beschreiben und nicht verschleiern.
"Fight Newspeak! Was an den Hochschulen (und im gesamten Bildungswesen) passiert, müssen wir neu zu benennen lernen: Die Vokabeln des New Management sind sprachkritisch auseinanderzunehmen. Neue Begriffe sind zu finden, um die Verhältnisse zu beschreiben und für neue Aushandlungen zu öffnen." [3]Die Verfasser denken an Begriffe wie "Neuausrichtung", die beispielsweise mit "Übernahme" übersetzt werden könnten [4].
3) Fluchtlinien für den Geist
Widerständigem Handeln muss ein Sinn zugeordnet werden. Er muss über ein in der aktuellen politischen Lage absehbares Scheitern hinausreichen.
»Solange der Widerstand keine absehbaren Chancen hat, faktisch neue Bedingungen zu setzen, die das politische System zur Veränderung zwingen, solange es allenfalls das System zwingt, auf die in ihm eingebauten Zwangsmechanismen zurück zu greifen, stehen alle Aktionen in der Ambivalenz zwischen Willensbekundung und Systemveränderung. In der gegenwärtigen Phase kommt es darauf an, diese Ambivalenz zu stabilisieren und ihr dadurch ein Veränderungspotential abzugewinnen. Die Ambivalenz stabilisieren: das bedeutet, den Widerstand mit einem Selbstbewusstsein führen und das Widerstandspotential mit einem Selbstbewusstsein ausstatten, das es erlaubt, die Bereitschaft zum Widerstand auch über dessen voraussehbares Scheitern hinweg zu retten.« [5]Ei "noch in den Spiegel schauen können" könnte als Anstoßmotivation herhalten.
4) Das Außen suchen
Als Schlüssel zur Lösung der verfahrenen Lage sehen Maset und Steinert den Weg in die Öffentlichkeit. Nur durch diese könne gesellschaftlicher Druck entstehen, der von außen Veränderungen erzwingt.
"In einem geschlossenen, dogmatischen System führt nur der Weg in die Öffentlichkeit zu einem Wandel, da jeder interne Partizipationsversuch an den Machtstrukturen scheitert. (...) Denn die größte Chance liegt in externem – politischem und zivilgesellschaftlichem – Druck: Die Totalität des Systems wird untergraben, indem die Marke Schaden zu nehmen droht. Auf diesem Weg ist es möglich, den Profilierungszwang gegen sich selbst auszuspielen." [6]
5) Neue Formen von Meuten und Schwärmen
"Arm, aber sexy!" Was für die Hauptstadt gilt, könnte auch an Hochschulen zur Leitidee werden. Das mag überraschen, aber die Verfasser meinen:
"Unter den derzeitigen Umständen sollten die Bildungsinstitutionen lieber offensiv das Hohelied der Armut anstimmen und sich von der hinterhältigen, geistestötenden und spießigen Unternehmens- und Exzellenz-Ausrichtung abwenden. Denn diese ist nichts anderes als eine Sackgasse. Außerdem: Ein guter, geistreicher Satz pro Semester ist wichtiger als das Drittmittel-Geflacker der Technokraten, aus deren Projekten nur in den seltensten Fällen interessante Forschung entsteht." [7]Ein geändertes Verhältnis zum Streben nach Drittmitteln reicht allerdings nicht aus. Maset und Steinert fordern mehr, nämlich Eigeninitiative. Was innerhalb des Bildungssystems nicht mehr möglich sei, müsse temporär außerhalb organisiert werden.
"Wo es nötig ist, den Geist zu retten, müssen sich Forschende, Lehrende und Studierende sowie Schüler und Menschen aller Gesellschaftsbereiche zusammenschließen, um in freien Organisationen das wiederzubeleben, was das Bildungssystem einzulösen nur noch verspricht: einen partizipativen, offenen und diskursiven Raum, der Bewusstsein ermöglicht." [8]
Fazit:
Mit all ihren Vorschlägen möchten die Senatoren dabei helfen, ein Widerstandsgefühl zu schaffen. Dieses ist schließlich Grundvoraussetzung dafür, dass nötige Veränderungen überhaupt thematisiert werden. Und die Möglichkeit von Veränderungen ist Anlass zu Hoffnung. Denn:
"Ein Zurückfinden zur Wissenschaft in ihrer unteilbaren Eigenschaft als kritische Praxis bietet den Boden für die Überwindung der unternehmerischen Hochschule." [8]
Nachweise
[1] Pierangelo Maset / Daniela Steinert: Kein Hauch von 68, in: Kultur & Gespenster, Ausgabe 13 "Stabile Seitenlage", Winter 2012, S. 65 - 83
[2] http://www.kulturgespenster.de
[3] Seite 81
[4] Seite 81 f.
[5] Worte der "Politischen Universität Frankfurt von 1968", zitiert nach Seite 82
[6] Seite 82
[7] Seite 82 f.
[8] Seite 83