Samstag, 31. März 2012

Kein Hauch von 68: Auswege (3/3)

LeuphanaWatch beendet mit einem letzten Teil seine Reihe über den Essay "Kein Hauch von 68" [1] der Senatoren Maset und Steinert im Magazin "Kultur & Gespenster" [2]. Sie unternehmen einen "zweistimmigen Versuch zur unlustigen / irrsinnigen / wahnwitzigen Lage an den deutschen Hochschulen" [1] am Beispiel der Leuphana Universität Lüneburg. LeuphanaWatch berichtete bereits über die von den Senatoren beobachtete Übernahme der Hochschulen und über Leuphana als Viagra der Exzellenzinitiative. Im letzten Teil der Reihe geht es nun um Fluchträume für kritische Geister und die Frage, wie fatale Entwicklungen korrigiert werden können.

Auswege

Die Senatoren beschreiben zunächst noch einmal den derzeitigen Gefühlszustand vieler Menschen in der deutlichen Hochschullandschaft und dessen Konsequenzen.
"Diese Handlungsohnmacht lässt selbst gewillte Geister in Reglosigkeit erstarren. So bleibt der Sturm auf die Ministerien bisher aus und die inhaltlich-politischen Aushandlungen finden zugunsten ökonomischer Lösungen nicht statt. Die eigene Unsicherheit und die fremde Übermacht sind mittlerweile so groß, dass Wissenschaftler zu bloßen Theoretikern mutieren, die kritische Inhalte als Lehrstoff rezitieren, aber nicht mehr auf die Handlungsebene übertragen. Das macht geistige Errungenschaften gleichgültig und zu konsumierbaren Häppchen. In den Seminarräumen lernen die Studierenden, wie sich der praktische Anspruch in Luft auflöst, während Diskurse auf Aussagen fremder Köpfe beschränkt bleiben. Intellektualität kann hier verbreitet nur noch in einem mentalen Untergrund überleben, da sie sonst von den »Weltgestaltern« als »kreatives Potenzial« technokratisch erfasst und outputmäßig vernutzt wird." [3]
Maset und Steinert verweisen auf "Nicht-Sichtbarkeit" und "Nicht-Identifizierbarkeit" als mögliche Handlungsmaximen. Darin sehen sie für Intellektuelle im aktuellen Umfeld die einzige Überlebenschance [3]. Perspektivisch kann das jedoch nicht zufrieden stellen. Es sind deshalb Lösungen gefragt. Die Verfasser entwickeln daher fünf Ansätze. LeuphanaWatch stellt sie vor:

1) Wissenschaft zurück in die Gesellschaft
Pierangelo Maset und Daniela Steinert fordern, dass Wissenschaft (wieder) zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema werden muss. Dabei sei die Verankerung in der Gesellschaft zu thematisieren.
"Um Hochschulen nicht zur Zuchtanstalt einer gleichförmigen Elite verfallen zu lassen, muss die Diskussion um die gesellschaftliche Verankerung von Hochschulen zwischen Staatsferne, Autonomie und Wirtschaftseinfluss aufgenommen werden – um sie denjenigen zu entreißen, die mit dem Kampfbegriff der Autonomie die Angst vor staatlichen Übergriffen schüren, um sich selbst Vorteile zu verschaffen." [3]

2) Worthülsen enttarnen, neue Begriffe und freie Organisationen schaffen
Eine besondere Bedeutung wird der Entzauberung der leuphanisierten Sprache beigemessen. Dabei muss es darum gehen, angemessene Begriffe zu finden. Sie sollen Ziele beschreiben und nicht verschleiern.
"Fight Newspeak! Was an den Hochschulen (und im gesamten Bildungswesen) passiert, müssen wir neu zu benennen lernen: Die Vokabeln des New Management sind sprachkritisch auseinanderzunehmen. Neue Begriffe sind zu finden, um die Verhältnisse zu beschreiben und für neue Aushandlungen zu öffnen." [3]
Die Verfasser denken an Begriffe wie "Neuausrichtung", die beispielsweise mit "Übernahme" übersetzt werden könnten [4].

3) Fluchtlinien für den Geist
Widerständigem Handeln muss ein Sinn zugeordnet werden. Er muss über ein in der aktuellen politischen Lage absehbares Scheitern hinausreichen.
»Solange der Widerstand keine absehbaren Chancen hat, faktisch neue Bedingungen zu setzen, die das politische System zur Veränderung zwingen, solange es allenfalls das System zwingt, auf die in ihm eingebauten Zwangsmechanismen zurück zu greifen, stehen alle Aktionen in der Ambivalenz zwischen Willensbekundung und Systemveränderung. In der gegenwärtigen Phase kommt es darauf an, diese Ambivalenz zu stabilisieren und ihr dadurch ein Veränderungspotential abzugewinnen. Die Ambivalenz stabilisieren: das bedeutet, den Widerstand mit einem Selbstbewusstsein führen und das Widerstandspotential mit einem Selbstbewusstsein ausstatten, das es erlaubt, die Bereitschaft zum Widerstand auch über dessen voraussehbares Scheitern hinweg zu retten.« [5]
Ei "noch in den Spiegel schauen können" könnte als Anstoßmotivation herhalten.

4) Das Außen suchen
Als Schlüssel zur Lösung der verfahrenen Lage sehen Maset und Steinert den Weg in die Öffentlichkeit. Nur durch diese könne gesellschaftlicher Druck entstehen, der von außen Veränderungen erzwingt.
"In einem geschlossenen, dogmatischen System führt nur der Weg in die Öffentlichkeit zu einem Wandel, da jeder interne Partizipationsversuch an den Machtstrukturen scheitert. (...) Denn die größte Chance liegt in externem – politischem und zivilgesellschaftlichem – Druck: Die Totalität des Systems wird untergraben, indem die Marke Schaden zu nehmen droht. Auf diesem Weg ist es möglich, den Profilierungszwang gegen sich selbst auszuspielen." [6]

5) Neue Formen von Meuten und Schwärmen
"Arm, aber sexy!" Was für die Hauptstadt gilt, könnte auch an Hochschulen zur Leitidee werden. Das mag überraschen, aber die Verfasser meinen:
"Unter den derzeitigen Umständen sollten die Bildungsinstitutionen lieber offensiv das Hohelied der Armut anstimmen und sich von der hinterhältigen, geistestötenden und spießigen Unternehmens- und Exzellenz-Ausrichtung abwenden. Denn diese ist nichts anderes als eine Sackgasse. Außerdem: Ein guter, geistreicher Satz pro Semester ist wichtiger als das Drittmittel-Geflacker der Technokraten, aus deren Projekten nur in den seltensten Fällen interessante Forschung entsteht." [7]
Ein geändertes Verhältnis zum Streben nach Drittmitteln reicht allerdings nicht aus. Maset und Steinert fordern mehr, nämlich Eigeninitiative. Was innerhalb des Bildungssystems nicht mehr möglich sei, müsse temporär außerhalb organisiert werden.
"Wo es nötig ist, den Geist zu retten, müssen sich Forschende, Lehrende und Studierende sowie Schüler und Menschen aller Gesellschaftsbereiche zusammenschließen, um in freien Organisationen das wiederzubeleben, was das Bildungssystem einzulösen nur noch verspricht: einen partizipativen, offenen und diskursiven Raum, der Bewusstsein ermöglicht." [8]

Fazit:
Mit all ihren Vorschlägen möchten die Senatoren dabei helfen, ein Widerstandsgefühl zu schaffen. Dieses ist schließlich Grundvoraussetzung dafür, dass nötige Veränderungen überhaupt thematisiert werden. Und die Möglichkeit von Veränderungen ist Anlass zu Hoffnung. Denn:
"Ein Zurückfinden zur Wissenschaft in ihrer unteilbaren Eigenschaft als kritische Praxis bietet den Boden für die Überwindung der unternehmerischen Hochschule." [8]

Nachweise
[1] Pierangelo Maset / Daniela Steinert: Kein Hauch von 68, in: Kultur & Gespenster, Ausgabe 13 "Stabile Seitenlage", Winter 2012, S. 65 - 83
[2] http://www.kulturgespenster.de
[3] Seite 81
[4] Seite 81 f.
[5] Worte der "Politischen Universität Frankfurt von 1968", zitiert nach Seite 82
[6] Seite 82
[7] Seite 82 f.
[8] Seite 83

Kommentare:

  1. "Ein Zurückfinden zur Wissenschaft in ihrer unteilbaren Eigenschaft als kritische Praxis bietet den Boden für die Überwindung der unternehmerischen Hochschule."

    Aus der Seele gesprochen. Leider heute kaum mehr möglich.

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  2. Der BR berichtet über den Essay! Guckst Du hier:
    http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/nachtstudio/kiosk-zeitschrift-zeitschriftenschau104.html

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  3. Zu: Wir sind dann mal weg

    Hat das Team von LW zu viel von Pierangelo Maset / Daniela Steinert gelesen? Möchte er nicht mehr technokratisch erfasst werden und geht daher in den mentalen Untergrund?

    Dabei hat der LW doch schon in einem Punkt gemacht, was von Maset/Steinert gefordert wird. Das Außen suchen! Mindestens bei Google wird häufig schon auf der ersten Seite ein Link zum Watchblog angeboten. Eine Möglichkeit für ein Außen wird mit dem LW aufgegeben.

    Nur mit dem Selbstbewusstsein ist es noch so eine Sache. Wer sich in der Anonymität verstecken muss kann das geforderte Selbstbewusstsein kaum ausstrahlen. Daher wäre das passende Comeback, falls mindestens eine Person mit ihrem Namen für den LW stehen würde.

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  4. ... welche sich dann ganz schnell von dieser Hochschule verabschieden darf (im Fall von Verträgen) oder von Profs bepöpeln (im Fall von Studis)...

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    1. Wie kann denn ein Blog das Feigenblatt in dem System Leuphana sein, wenn sich die Betreiber aus Angst vor Bepöpelung durch Dozenten bzw. Freisetzung durch Untersagung einer Vertragsverlängerung in die Anonymität flüchten müssen?

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    2. Für welches Thema lohnt es sich, mit Selbstbewusstsein eine abweichende Position öffentlich zu vertreten? Dabei gegebenenfalls zu Riskieren, sich von Professoren anpöbeln zu lassen oder den Anschlussvertrag nicht zu bekommen. Es gibt Themen, wie Frieden oder Krieg, Menschenrechte bzw. die Bewahrung der Erde, welche dies in Augen vieler Menschen rechtfertigt.
      Doch sind die Risiken und die persönliche Konsequenzen auch gerechtfertigt, weil bei der Vergabe von Fördermittel einige Freunde bevorzugt werden? Falls mehr Mühe in Leuchttürme als in Lehrversorgung für die aktuell noch eingeschriebene Studierende gesteckt wird? Falls eine Gleichmacherei von verschiedenen Wissenschaftskulturen und –traditionen in einem Studienmodell dazu führen, dass individuelle Stärken aufgegeben werden müssen.
      Die Probleme vor allem im Übergang statt finden, da Menschen enttäuscht sind, welche mit anderen Versprechen nach Lüneburg gekommen sind. JedeR, welcher heute neu dazu kommt aber schon wissen könnte , worauf er sich hier einlässt.
      Es ist schade für Lüneburg, da es hier mal echt ein paar bundesweit herausragende Studiengänge gab. Mit der jetzigen Gleichmacherei ist nur jenen geholfen, welche es geschickt schaffen, sich individuell persönlich die Rosinen aus allen Bereichen heraus zu picken und zusätzlich wissen, dieses zukünftig, etwas bei der Wahl des Masterstudienplatzes, auch noch zu verkaufen.
      Sich für diese Universität einzusetzen lohnt sich nicht mehr. Hier gibt es nur noch ein Potjomkinsches Dorf. Hier sind Visitenkarten wichtiger als Inhalte. Einige Menschen werden die Leuphana als Durchlauferhitzer für ihre eigene Karriere benutzen. Andere werden hier schon trainieren, sich für das kommende Arbeitsleben eine Maske aufzusetzen.
      Eine Identifikation mit der Marke Leuphana wird es jedoch nicht geben. Hierfür gibt es zu unterschiedliche Wissenschaftskulturen, welche in einer sozialistischen Gleichmacherei sich alle nicht entfalten können. Da nützt es auch wenig, punktuell aktuellen Trends hinter her zu laufen. Jedoch zu irgendeinem Punkt selbst den Trend zu setzten ist mit der Leuphana doch unmöglich. Ob es jemanden gelingt, trotz Leuphana, muss doch stark angezweifelt werden.
      Für manche wird in Lüneburg die Frontlinie zur Verteidigung der freien Bildung an deutschen Universitäten gesehen. Sie gilt als Modell für die „CHE-konforme Neugestaltung der Hochschullandschaft“ (vgl. Caspar Heybl). Hier müssen sich die hochschulpolitischen Akteure jedoch klar sein, dass Lüneburg längst gefallen ist. Hier nichts mehr zum Verteidigen gibt. Jetzt es einfach sinnvoller ist, dieses System blind fahren zu lassen. Es kann nicht gesagt werden, ob die Leuphana nicht doch alle Kurven nehmen kann. Sollte sie jedoch eines Tages von der Straße abweichen werden ihre Ruinen dann auf Jahre hinaus als abschreckendes Beispiel für die fehlgeleitete Entwicklung der Hochschullandschaft stehen.
      Daher: haltet sie in ihrem Lauf nicht auf. Es gibt wichtigere Probleme in dieser Welt. Etwa, dass fundamentale Gläubige uns über den Staat verbieten, heute (Freitag) zu tanzen. Wie kommen wir aus den Zwängen von diesem Gottesstaat;-)

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  5. Das so was auch nur vorkommen könnte wird doch derzeit im Senat heftigst bestritten.

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    1. Wer im Glashaus sitzt...

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    2. ... sollte nicht sitzen bleiben sondern zum Angriff übergehen oder den taktischen Rückzug (im Sinne von Clausewutz) einleiten.

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  6. im Senat wollten Einige, dass der Senat entscheidet, an den Vorwürfen sei nichts dran. Dies ist nicht beschlossen worden....

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