Montag, 22. November 2010

Die Krux mit der Stiftung

LeuphanaWatch ist mittlerweile über ein halbes Jahr online und hat regen Zuspruch erfahren. Wir danken allen Besucherinnen und Besuchern und den Menschen ganz besonders, die unsere Beiträge kommentiert haben. Vielen Dank dafür. Gern erfüllen wir einen Wunsch, der vor kurzem per email an uns herangetragen wurde und fragen:

Hat eine Stiftungsuniversität Vor- oder Nachteile im Vergleich zu normalen Universitäten?
Stiftungshochschulen bzw. Stiftungsuniversitäten sind Hochschulen bzw. Universitäten, die durch eine öffentlich-rechtliche oder eine private Stiftung getragen werden.
wikipedia.de
In Deutschland gibt es ein Dutzend Stiftungshochschulen, davon allein fünf in Niedersachsen. Die Leuphana Universität Lüneburg ist eine von ihnen, sie wurde 2003 in eine Stiftung öffentlichen Rechts überführt. Warum sollte eine Universität Stiftung werden wollen?

"Damit hat das Land Niedersachsen der Universität einen hohen Grad an Autonomie und Eigenverantwortung zugestanden." sagt Leuphana (1) und meint, man könne freier und unabhängiger vom Land entscheiden. Das sieht auch das Ministerium für Wissenschaft und Kunst so. Es kennt aber noch mehr gute Gründe:
  • Diese Umstellung bedeutet, dass von Stiftungen getragene Hochschulen rechtlich völlig eigenständige Institutionen und nicht mehr staatliche Anstalten oder nachgeordnete Behörden sind. Die Studierenden und Beschäftigten können sich mit einer Stiftungshochschule besser identifizieren. Mittel- und langfristig kann etwa durch Spenden von Ehemaligen das Stiftungsvermögen erhöht werden.
  • Die Stiftung ist Eigentümerin der von der Hochschule benötigten Gebäude und Grundstücke. Sie soll durch ihr Vermögen einen dauerhaften, zunehmend wachsenden Beitrag zur Finanzierung der Hochschule leisten. Die Stiftung ist Trägerin der Hochschule.
  • Die Hochschule erhält mehr Autonomie vom Staat. Sie gibt sich in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung eine Verfassung und erbringt ihre Aufgaben in Forschung und Lehre weitgehend eigenverantwortlich.
  • Für Hochschulen in Trägerschaft einer Stiftung wird mit dem Stiftungsrat ein neues Organ geschaffen, das externen Sachverstand für die Wissenschaft nutzbar macht. Die Regeln für das Stiftungsvermögen schaffen die Voraussetzungen für mehr Effizienz in den Hochschulen und mobilisieren zusätzliches privates Kapital. (2)
Kühne Aussagen, die teilweise richtig sein mögen - in der Theorie. Aber wie ist es wirklich? Das Beispiel der Stiftung Leuphana Universität Lüneburg:

1) Der Identifikationsfaktor
Warum sollten sich die Studenten und Mitarbeiter besser mit der Universität identifizieren, weil sie eine Stiftung ist? Den meisten Studenten dürfte die Tatsache "Stiftungsuni" vollkommen unbekannt sein und auch völlig egal. Identifikation entsteht nicht durch eine Organisationsform, von der niemand in seinem Studium überhaupt etwas mitbekommt. Sie hat hingegen viel mit einer schönen Universitätsstadt, guten Dozenten, guten Studienbedingungen und nicht zuletzt den persönlichen Erlebnissen zu tun. Die Stiftung als Identifikationsstifterin, eine Fehlanzeige!

2) Spenden & das Stiftungsvermögen
Um es vorweg zu sagen: Eine Stiftungsuniversität bedeutet nicht, mehr Geld zu haben! Das Stiftungsvermögen besteht aus Gebäuden und Grundstücken und nicht mehr. Die Stiftung Leuphana Universität Lüneburg konnte bisher keine nennenswerten Spenden von Ehemaligen oder aus der Wirtschaft verzeichnen. Warum sollte die Wirtschaft auch plötzlich ihre Geldbörse öffnen, das hätte sie vorher auch tun können? Eine öffentliche Stiftung ist als Sponsoringobjekt denkbar ungeeignet, gibt es doch genug klamme Privatunis, die für ein paar Euro sogar ihren Namen ändern. Vom Discounter-Hörsaal bis zur Kaffee-Hochschule reichen die Beispiele.
Wenige Euro Stiftungsvermögen dürften in Lüneburg jedoch vorhanden sein, weil Studenten bei der Umwandlung in eine Stiftung 2003 der armen Uni ihren letzten Euro spendeten. Ein symbolischer Start in die Stiftungszukunft. Stiftungsvermögen Fehlanzeige, da hat die Landesregierung wohl zu sehr auf ein Harvard gehofft. Aber auch Harvard ist ja nicht mehr das, was es einmal war: In der Finanzkrise wurde das halbe Stiftungsvermögen verzockt, gut und gerne 10 Milliarden Dollar. So etwas kann Leuphana trotz ähnlicher wissenschaftlicher Exzellenz zum Glück nicht passieren.

3) Der Spareffekt
Aus dem wachsenden Stiftungsvermögen soll sich die Universität zu einem stetig wachsenden Teil selbst finanzieren. Eine schöne Theorie, denn wo kein Stiftungsvermögen ist, kann von den Zinsen auch keine Uni leben. Sie ist deshalb nach wie vor vom Landeszuschuss abhängig, der jedes Jahr auf's neue aus Hannover eintrifft. Bei der Stiftungsuniversität ist es also genau wie bei allen anderen Hochschulen, das Land spart keinen Cent. Das wird sich auch so schnell nicht ändern, denn bei einem Jahresetat von 55 Millionen Euro müsste das Stiftungsvermögen in die Milliarden gehen, damit die Zinsen die laufenden Kosten decken. Aus Hannover werden diese Milliarden wohl mittelfristig nicht kommen. Langfristiges sparen durch Stiftungsumwandlung also Fehlanzeige!

4) Eigenverantwortlich Befehlen folgen
Die viel beschworene Autonomie der Universität ist einfach beschrieben: Die Stiftung darf freiwillig den Anweisungen der Landesregierung folgen. Wie bei allen anderen Hochschulen gibt es Zielvereinbarungen mit dem Ministerium, die Ziele für die nächsten Jahre festlegen. Dort wird geregelt, welche Studiengänge aufgebaut oder geschlossen werden sollen. Dort steht, welche Schwerpunkte die Universität bei ihrer Forschung und Profilbildung setzt. Die Vereinbarung kommt in Verhandlungen der Universität mit dem Ministerium zustande, aber wer dort am längeren Hebel sitzt ist leicht zu erraten (wer verteilt noch gleich das lebenswichtige Geld?).
Die Feinsteuerung klappt auch wunderbar, denn im Zweifel kommt der Staatssekretär zu Besuch oder die wissenschaftliche Kommission gibt eine Empfehlung ab. Beispiele gefällig? Soziale Arbeit wird geschlossen, die Ingenieure aus Suderburg verlassen die Universität und die Lehrerausbildung gibt es noch. Genau, die wollte unsere Universität längst schließen, aber das Land sieht das anders. Unabhängigkeit ist das in ihrer reinsten Form. Trotz Stiftung gibt das Land also weiter die Ziele vor.

5) Sachverstand im Stiftungsrat
Ein Stiftungsrat übt die Aufsicht über die Universitätsleitung aus. Er besteht aus Personen des öffentlichen Lebens, in Lüneburg zum Beispiel Volker Meyer-Guckel. Externer Sachverstand soll so eingebunden werden. Theoretisch ist das so, de facto trifft sich der Stiftungsrat 2 x im Jahr für ein paar Stunden. Die Räte haben genau keine Ahnung, was wirklich an der Universität passiert und werden nur vom Präsidenten "informiert". Sie können also weder zeitnah noch auf einer ausgewogenen Informationsgrundlage entscheiden. Der externe Verstand hilft demnach wenig, weil er von der Situation vor Ort keinen blassen Schimmer hat. Fehlentscheidungen werden so vielleicht noch häufiger, weil die Ministerialbeamten im Gegensatz zumindest noch kontinuierlich die Hochschule begleiten. Sachverstand vielleicht, aber nicht vor Ort.

6) Was keiner sagt: Verantwortungslosigkeit
Das Hauptproblem an der Stiftung ist, dass niemand die Verantwortung trägt. Wenn dem Land etwas nicht passt, regiert es nach wie vor problemlos in die Universität herein (s.o.). Wenn es Probleme gibt, verweist das Land auf seine Nichtzuständigkeit und auf den Stiftungsrat. Der ist schlecht zu erreichen, nicht zu packen und verweist dann widerum auf rechtliche Auskünfte bzw. politische Anforderungen des Landes. Der schwarze Peter befindet sich permanent im Transit zwischen Hannover und den Stiftungsräten und -innen. Es ist also sehr schwierig, politisch gegen schlechte Entscheidungen anzugehen. Ein klarer Minuspunkt.


Langer Rede kurzer Sinn:
Vorteile gibt es vielleicht auf dem Papier, aber nicht in der Realität. Großer Nachteil ist, dass niemand verantwortlich gemacht werden kann. Das Land hat genau soviel Macht wie bei einer normalen Universität, muss sich aber die Hände nicht schmutzig machen. Eine schlechte Ausgangsbasis für alle, die etwas verändern möchten.


Quellen:
1) http://www.leuphana.de/ueber-leuphana/organisation/stiftungsrat.html
2) http://www.mwk.niedersachsen.de/live/live.php?navigation_id=6332&article_id=18343&_psmand=19

Kommentare:

  1. holländischer Maler22. November 2010 um 23:32

    Sehr schön zusammengefasst!

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  2. Ich könnte mich vielleicht besser mit meiner Uni identifizieren wenn die nicht wie eine Damenbinde heißen würde und wenn ich in der Unipolitik noch was mitzureden hätte. Ein Stiftungsrat der sich alle halbe Jahr im Bergström verschanzt um die Entscheidungen des Präsis abzunicken braucht wirklich nur der selbige. Aber vielleicht könnte man den Rat ja mal mit kompetenten Leuten besetzen... anbei wer bestimmt eigentlich die Mitglieder?

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