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Dienstag, 29. November 2011

Die Ökonomie des Kreativen

Heute ist es soweit: Das europäische Amt für Betrugsbekämpfung kommt zu uns, um die Verwendung der EU-Gelder zu prüfen. Doch greift eine Untersuchung der rechtmäßigen Nutzung regionaler Wirtschaftsförderung nicht viel zu kurz? Die viel wichtigeren Fragen wären doch: Wie passen einseitig ausgerichtete Mittel und eine akademische Einrichtung zusammen? Wie viel Zweckgebundenheit vertragen freiheitliche Wahrheitssuche und schöpferisches Wirken?

Aufschluss hierüber gibt ein Fundstück aus dem vermeintlich wohl freiesten Bereich: den Künsten. Wir wünschen Euch viel Spaß bei folgenden Ausschnitten aus einem Inkubator-Antrag:

Projekte mit der Kreativwirtschaft im Bereich der visuellen Kunst haben von der Besonderheit des Wertbildungsprozesses bzw. der Wertbildungskette der künstlerischen Produktion auszugehen. In der Literatur wird in diesem Zusammenhang der Begriff des ästhetischen oder auch symbolischen Werts, teilweise auch des symbolischem Kapitals gebraucht. Der ökonomische Wert der Kunst beruht typischerweise nicht auf dem Maß investierter Arbeit durch individuelle Künstler oder auf den Kosten für das eingesetzte Material, sondern vielmehr auf komplexen Bewertungsprozessen im Rahmen einer arbeitsteiligen Struktur mit zahlreichen Beteiligten. Im Prinzip ist es durchaus möglich, beispielsweise mit Materialkosten im Bereich von lediglich drei- oder vierstelligen monetären Größen und der individuellen Arbeitszeit eines Produzenten – eines Mikrounternehmers – , die sich auf weniger als eine Woche beläuft, Produkte zu generieren, die auf dem Markt – typischerweise mit Verzögerung – Preise etwa in sechsstelliger Höhe erzielen. Solche Effekte sind in der speziellen Ökonomie der Kunst schwer zu prognostizieren. Deshalb wird in der ökonomischen Literatur (vgl. z.B. Richard E. Caves, Creative Industries, Cambridge, Mass. Harvard University Press 2000) auch von der „nobody knows“-Eigenschaft symbolischer Güter ausgegangen.

Im Feld der Produktion von Unikaten, in „deep pocket markets“, entsprechen Preise dem Marktwert, im Gegensatz zum kulturellen Massenmarkt bzw. dem Markt von Multiples, in dem der Preis mit der Menge zu multiplizieren ist (vgl. Hans Abbig, The Exceptional Economy of the Arts, Amgsterdam University Press 2002). Im Kontext der im Rahmen des CVA-Projekts vor allem maßgeblich an der Herstellung von Unikaten orientierten künstlerischen Produktion ist von einer Konversion des ästhetischen Werts bzw. des über Bewertungsprozesse erworbenen symbolischen Kapitals in ökonomisches Kapitals bzw. in Preise, die sich am Markt erzielen lassen, auszugehen. Dabei geht es primär um ein entsprechendes Potential, da sich hohe Preise in einer Ökonomie des lange Zyklus, in dem der „time lag“ eine entscheidende Rolle spielt, typischerweise erst mit Verzögerung erzielen lassen. Eine solche Ökonomie ist für den Kunstmarkt charakteristisch. (vgl. Pierre Bourdieu, The Rules of Art. Stanford University Press 1996) [1]

Zur Einschätzung der Region Lüneburg und dessen nutzbares Potential für die Kreativwirtschaft schreiben die Autor_innen:
Die Erhöhung der internationalen Sichtbarkeit der führenden kreativwirtschaftichen Institutionen der Region in Verbindung mit einem entsprechenden künstlerischen Angebot und Kreativkapital erhöht deren Attraktivität und damit auch die der Region. Mit Hilfe von künstlerischer Produktion und Künstlern lassen sich Sichtbarkeitseffekte erzielen, die im Vergleich zu gängiger kommerzieller Werbung mit geringen Kosten und hoher geographischer Reichweite verbunden sind. Die Erhöhung der Sichtbarkeit macht die Region speziell für potentielle Investoren mit höherem kulturellen und ökonomischen Kapital bzw. für kreativwirtschaftliche Gruppen inkl. Symbolproduzenten, die für Wertbildungsprozesse entscheidend sind, interessanter. Der medial induzierte Tourismuszuwachs der jüngeren Zeit (der ARD „Rote Rosen“-Soap-Effekt in der Stadt Lüneburg) wird lediglich von sehr temporärer Dauer sein. Er stützt sich auf Gruppen mit bescheidenem kulturellen und ökonomischen Kapital, die nicht als Investoren in Frage kommen. Über die Maßnahme des CVA-Projekts ergeben sich potentiell Effekte im Sinne der Theorie der weichen Standortfaktoren wie des Konzepts des Optionsnutzen. Die Region hat im kulturellen Bereich jenseits von visueller Kunst (Musik, Theater, Literatur) lediglich schwache lokale und regionale Reichweiten aufzuweisen und kein erkennbares Entwicklungspotential weder für transregionale Sichtbarkeit noch für eine entsprechende Anziehungskraft für ökonomisch interessante externe Gruppen.

Im Rahmen der Ausstellungstätigkeit mit Hochkreativen der Preisverleihungen sowie des Gastprogramms mit besonders innovativen Produzenten werden Vertreter regionaler KMU (Inhaber, Manager) als Teil der regionalen ökonomischen Eliten gezielt angesprochen (Zielgruppe Netzwerk III). Zu den diagnostizierten Schwächen der Region zählt nicht zuletzt die geringe „Toleranz“ im Sinne des 3 T-Modells des Regionalökonomen Richard Florida. Geringe Toleranz meint in diesem Zusammenhang insbesondere auch ein geringes Maß an Toleranz gegenüber der Abweichung von ausgetretenen Pfaden und gegenüber dem Neuen, d.h. ein Defizit auf der Ebene des subjektiven Innovationspotentials, das auf Einstellungen, Mentalitäten und Habitus zurückzuführen ist. Von der Auseinandersetzung mit Produzenten, die der „Tradition des Neuen“ verpflichtet sind und dabei über Durchsetzungspotential auf einer internationalen Ebene verfügen, ist eine Verringerung dieser mentalen Innovationsbarrieren zu erwarten [1]

Haben bisher noch Einige an einer reinen Ökonomisierung von Bildung gezweifelt, so dürfte sie diese strategische Ausrichtung an reinen Kapitalkriterien erstaunen. Die Einstufung nach Kriterien des Marktes diskreditiert nicht nur die Region Lüneburg, sondern auch das, worum es hier doch eigentlich gehen sollte: Kultur und Künste.

LeuphanaWatch sagt: Die zweckgebundene, mit der Auflage der Wirtschaftsförderung verbundene Finanzierung von dem, was einmal Forschung und nicht nur Suche nach Vertriebswegen war, greift unzulässig in die Universität ein. Welche grundlegende Ausrichtung wird den Studierenden mit diesem absoluten Wert der Rentabilität als Wissenschaft verkauft?

[1] Textauszüge aus einem EU-Großprojektantrag, Teilmaßnahme „Projekte mit der Kreativitätswirtschaft“. LeuphanaWatch bedankt sich für den Hinweis per Mail.

Dienstag, 3. Mai 2011

Koalitionen auf Zeit

Kommentar

Vergleicht man die aktuelle Position der Universität mit der Diskussion bei der Neuausrichtung im Sommersemester 2008 muss ein verwunderliches Phänomen festgestellt werden: Studierende und Dozenten positionieren sich inzwischen entgegengesetzt.
Damals waren die Fronten in etwa klar. Aus jenen Bereichen, welche von der Schließung ihrer Studiengänge betroffen waren ist der größte Widerstand gekommen. Sowohl von den Dozenten wie den Studierenden. Es betraf insbesondere die Sozialpädagogik, die naturwissenschaftliche Bereiche der Lehrerbildung wie der Umweltwissenschaften. Auch am Standort Suderburg herrschte Unzufriedenheit. Hingegen waren die Ingenieure aus Volgershall wie die Wirtschaftswissenschaften die stärkste Stütze des Präsidiums.

Heute ist die Situation völlig anders. Zu den stärksten Befürwortern gehören Studierende der Wirtschaftswissenschaften wie Dozenten der Nachhaltigkeitswissenschaften. Hingegen ist der Widerstand beim AStA-Umfeld geblieben. Hier sind Studierende der Umweltwissenschaften nach wie vor Überproportional stark vertreten. Zu den kritischen Stimmen sind inzwischen auch Dozenten der Wirtschaftswissenschaften hinzugekommen. Es muss bezweifelt werden, dass die Unterstützer einer sofortigen Wiederwahl von Holm Keller wie auch der Gegner tatsächlich gemeinsame Ziele haben. Vielmehr bilden sich Koalitionen, welche ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Diese jedoch besser erreichbar sehen mit oder ohne Holm Keller auf der Position als Vizepräsident.

Geht es um mehr oder weniger Elite? Ist eine humanistische Ausbildung heute vollkommen durchdrungen vom Gedanken der Nachhaltigkeit oder ist das Modul „Wissenschaft trägt Verantwortung“ die maximale Zumutung, sich mit einer derartigen modischen Ideologie zu beschäftigen?

Wo soll mit Sascha Spoun und Holm Keller die Universität in vier Jahren stehen? Welchen Ruf werden die Absolventen dieser Universität dann haben? Werden sich die Dozenten zukünftig andere Studierende aussuchen? Bzw. wie bewerten es die Studierende, dass ihre Dozenten sich ihrer Positionierung nicht anschließen?

Ohne Frage droht jedoch der aktuelle Diskurs einen deutlich langfristigeren Vertrauensschaden an dieser Universität zu hinterlassen. Spaltet das Thema eben nicht, wie damals bei der Neuausrichtung, verschiedene Bereiche der Universität sondern trifft viele einzelne Lehrveranstaltungen, in welche Dozenten und Studierende eine konträre Position zum Thema Wiederwahl haben.

Unabhängig, wie das Präsidium am Ende aussehen wird: Durch die überaus heftig geführten Meinungsbildungsprozessen droht ein tiefer Riss durch diese Universität. Dieser wird jedoch nicht um die tatsächliche Inhalte der Universität geführt sondern nur um die Köpfe, welche eine Rolle einnehmen.

Egal, wer am Ende Vizepräsident ist: Die Frage, ob an der Leuphana eine zukünftige Elite ausgebildet werden soll, welche die Welt verändern wird und/oder die Leuphana für eine Nachhaltige Entwicklung, auch in der Betriebswirtschaftslehre, steht, ist damit nach wie vor völlig offen.

Die Koalitionäre werden nach der Wahl jedoch feststellen, dass sie völlig unterschiedliche Ziele verfolgen. Ein gemeinsames Umsetzen gleicher Ideen mit den derzeitigen Partnern kaum möglich sein werden. Denn ein gemeinsames Programm verfolgt weder die Koalitionäre der einen, noch der anderen Seite.

Vielleicht wird es Zeit, dass der AStA sich zu dem Studienmodell der Leuphana positioniert. Sich dann vielleicht auch mit dem Namen des Studienmodells identifizieren kann. Andererseits sollten sich die nach ihrer eigenen Lehrphilosophie am Wettbewerb orientierten Betriebswirte fragen, wie sie aus sich selbst hinaus aus dem durchschnittlichen Mittelmass hinaus kommen. Hier bedarf es doch tatsächlich zuerst ein qualitatives Wachstum damit im Anschluss auch ein quantitatives Wachstum wieder erfolgen kann. Ein Biotopschutz mag ja für Orchideenfächer gelten, bestimmt jedoch nicht für die BWL.

Bei sonstiger guten Reputation ist Lüneburg weder von dem gut vernetzten Finanzjongleur abhängig bzw. stürzt mit, falls selbiger sich dann doch verhoben haben sollte.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Umbauwagen denkt in Schubladen

Erstaunlich aber wahr: Die Leuphana Universität Lüneburg verleiht einen Award für Andersdenkende. Der "SCHubladendenker 2010" ist ein Preis für "studentische Social Entrepreneure" und Projekte, die einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. [1] Im Internet konnten Studenten und Angestellte abstimmen und aus den teilnehmenden Projekten einen Sieger wählen. Auf der universitären Weihnachtsfeier wurde der Award erstmals verliehen.

Gewonnen hat die Initiative "umbauWAGEN!" [2], die einen Freiraum für kulturelle und politische Aktivitäten von Studierenden gewähren möchte [1].

LeuphanaWatch gratuliert der Leuphana Universität Lüneburg herzlich zu ihrer ausnahmsweise guten Wahl und meint: so schnell ist man in eine Schublade einsortiert.


Quellen:
[1] http://www.leuphana.de/schub/aktuell/termine/ansicht/datum/2010/12/09/verleihung-schubladendenker-2010.html
[2] http://www.umbauwagen.net/