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Dienstag, 3. Mai 2011

Koalitionen auf Zeit

Kommentar

Vergleicht man die aktuelle Position der Universität mit der Diskussion bei der Neuausrichtung im Sommersemester 2008 muss ein verwunderliches Phänomen festgestellt werden: Studierende und Dozenten positionieren sich inzwischen entgegengesetzt.
Damals waren die Fronten in etwa klar. Aus jenen Bereichen, welche von der Schließung ihrer Studiengänge betroffen waren ist der größte Widerstand gekommen. Sowohl von den Dozenten wie den Studierenden. Es betraf insbesondere die Sozialpädagogik, die naturwissenschaftliche Bereiche der Lehrerbildung wie der Umweltwissenschaften. Auch am Standort Suderburg herrschte Unzufriedenheit. Hingegen waren die Ingenieure aus Volgershall wie die Wirtschaftswissenschaften die stärkste Stütze des Präsidiums.

Heute ist die Situation völlig anders. Zu den stärksten Befürwortern gehören Studierende der Wirtschaftswissenschaften wie Dozenten der Nachhaltigkeitswissenschaften. Hingegen ist der Widerstand beim AStA-Umfeld geblieben. Hier sind Studierende der Umweltwissenschaften nach wie vor Überproportional stark vertreten. Zu den kritischen Stimmen sind inzwischen auch Dozenten der Wirtschaftswissenschaften hinzugekommen. Es muss bezweifelt werden, dass die Unterstützer einer sofortigen Wiederwahl von Holm Keller wie auch der Gegner tatsächlich gemeinsame Ziele haben. Vielmehr bilden sich Koalitionen, welche ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Diese jedoch besser erreichbar sehen mit oder ohne Holm Keller auf der Position als Vizepräsident.

Geht es um mehr oder weniger Elite? Ist eine humanistische Ausbildung heute vollkommen durchdrungen vom Gedanken der Nachhaltigkeit oder ist das Modul „Wissenschaft trägt Verantwortung“ die maximale Zumutung, sich mit einer derartigen modischen Ideologie zu beschäftigen?

Wo soll mit Sascha Spoun und Holm Keller die Universität in vier Jahren stehen? Welchen Ruf werden die Absolventen dieser Universität dann haben? Werden sich die Dozenten zukünftig andere Studierende aussuchen? Bzw. wie bewerten es die Studierende, dass ihre Dozenten sich ihrer Positionierung nicht anschließen?

Ohne Frage droht jedoch der aktuelle Diskurs einen deutlich langfristigeren Vertrauensschaden an dieser Universität zu hinterlassen. Spaltet das Thema eben nicht, wie damals bei der Neuausrichtung, verschiedene Bereiche der Universität sondern trifft viele einzelne Lehrveranstaltungen, in welche Dozenten und Studierende eine konträre Position zum Thema Wiederwahl haben.

Unabhängig, wie das Präsidium am Ende aussehen wird: Durch die überaus heftig geführten Meinungsbildungsprozessen droht ein tiefer Riss durch diese Universität. Dieser wird jedoch nicht um die tatsächliche Inhalte der Universität geführt sondern nur um die Köpfe, welche eine Rolle einnehmen.

Egal, wer am Ende Vizepräsident ist: Die Frage, ob an der Leuphana eine zukünftige Elite ausgebildet werden soll, welche die Welt verändern wird und/oder die Leuphana für eine Nachhaltige Entwicklung, auch in der Betriebswirtschaftslehre, steht, ist damit nach wie vor völlig offen.

Die Koalitionäre werden nach der Wahl jedoch feststellen, dass sie völlig unterschiedliche Ziele verfolgen. Ein gemeinsames Umsetzen gleicher Ideen mit den derzeitigen Partnern kaum möglich sein werden. Denn ein gemeinsames Programm verfolgt weder die Koalitionäre der einen, noch der anderen Seite.

Vielleicht wird es Zeit, dass der AStA sich zu dem Studienmodell der Leuphana positioniert. Sich dann vielleicht auch mit dem Namen des Studienmodells identifizieren kann. Andererseits sollten sich die nach ihrer eigenen Lehrphilosophie am Wettbewerb orientierten Betriebswirte fragen, wie sie aus sich selbst hinaus aus dem durchschnittlichen Mittelmass hinaus kommen. Hier bedarf es doch tatsächlich zuerst ein qualitatives Wachstum damit im Anschluss auch ein quantitatives Wachstum wieder erfolgen kann. Ein Biotopschutz mag ja für Orchideenfächer gelten, bestimmt jedoch nicht für die BWL.

Bei sonstiger guten Reputation ist Lüneburg weder von dem gut vernetzten Finanzjongleur abhängig bzw. stürzt mit, falls selbiger sich dann doch verhoben haben sollte.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Leuphana-Fernsehen 2.0

Innovativ ist sie, die Leuphana Universität Lüneburg. In ihrem "Innovationsinkubator" (1) (LeuphanaWatch berichtete) brütet sie Ideen aus, wie z.B. diese: Internetuser schauen auf einer youtube-ähnlichen Plattform online fern und bezahlen dafür freiwillig Geld. "Fernsehen 2.0" nennt sich diese Idee und Leuphana hält sie für so genial, dass dafür extra ein millionenschweres so genanntes "Kompetenztandem" (2) im Inkubator brüten darf (die Kollegen der LeuphanancialTimes berichteten)

Das Projekt, über dem gebrütet wird, beschreibt sich so:
Im Forschungsprojekt „Fernsehen 2.0“ im Rahmen des EU-Großprojektes Innovations-Inkubator wird eine audiovisuelle Online-Plattform eingerichtet, die Produktionsprozesse, Rezipientenverhalten und kreativwirtschaftliche Geschäftsmodelle im Bereich nutzer-generiertes Video untersucht. (3)
Es werden also Geschäftsmodelle gesucht, Geld soll verdient werden. Das Geschäftsmodell hört sich kompliziert an, ist aber einfach: mit online-Videos Geld verdienen:
Wirtschaftliches Ziel des Kompetenztandems „Fernsehen 2.0“ ist der Aufbau eines KMU im Konvergenzgebiet, das die erforschten Modelle zur Aggregation, Produktion, Lizenzierung und Distribution von Video-Content im World Wide Web umsetzt. Parallel sind Vernetzungseffekte mit KMU in der Region und darüber hinaus zu erwarten, die vom Angebot eines Internet-Fernsehsenders und der korrespondierenden Produktionsinfrastruktur Gebrauch machen wollen. (3)
Eine Frage wird erlaubt sein: Wer bezahlt im Internet freiwillig Geld für Filme, die bei Youtube kostenfrei zu sehen sind? Wer bezahlt, wenn er bei den Internetportalen der Öffentlich-rechtlichen vieles sehen kann, was mit seiner GEZ-Gebühr produziert wurde? Es darf bezweifelt werden, ob sich mit Filmchen Geld verdienen lässt.

Noch etwas anderes ist wichtig: Ziel von vielen Aktivitäten im www ist es, Inhalte kostenfrei verfügbar zu machen. Open-Source, creative commons und viele andere machen vor, wie die digitale Welt aussehen könnte, ohne überall Kommerz ausleben zu müssen. Der freie Informationszugang für alle Menschen ist das Idealbild. Menschen generieren Inhalte, um sie möglichst vielen Menschen zu zeigen. Menschen helfen einander, weil sie es gerne tun.

"Fernsehen 2.0" und Leuphana haben ein etwas anderes Ziel: online mit Inhalten möglichst viel echtes Geld verdienen.

LeuphanaWatch erkennt: Was für ein Fortschritt für die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts!


Quellen:
(1) http://www.leuphana.de/inkubator/ueber-den-inkubator.html
(2) http://www.leuphana.de/inkubator/ueber-den-inkubator/teilmassnahmen/kompetenztandems.html
(3) http://www.leuphana.de/inkubator/ueber-den-inkubator/teilmassnahmen/kompetenztandems/fernsehen.html

Sonntag, 23. Mai 2010

Happy Meal an der Leuphana

Die Neuigkeiten auf Leuphana reißen nicht ab. Was die Landeszeitung verkündet, klingt wie eine kleine Revolution: "An der Lüneburger Universität gibt's jetzt im Hörsaal auch Verpflegung" [1]. Wie kommt es dazu und was darf man sich darunter vorstellen? Ein Buffet neben dem Rednerpult etwa? Erste Klasse-Service mit Bedienung am Platz? Nein. Eine typische Szene beschreibt unsere Lokalpresse:
Der Hörsaal liegt im Halbdunkeln, Abendstimmung an der Leuphana. Neben edlem Wissensdurst meldet sich auch ein profanes Bedürfnis zu Wort: Hunger. Eine neue Form der Lehrveranstaltung nimmt darauf Rücksicht. Zum ersten Mal findet an der Uni ein "Brown Bag"-Seminar statt. Es bietet Futter für den Geist und für den Magen. [1]
In den Tüten befinden sich laut LZ "zwei eher pappige Sandwiches mit Käse und Gurke zwischen den Weißbrotscheiben sowie eine Plastikflasche mit Wasser." Innovation pur. Noch nie haben Studenten ihr Frühstücksbrot mit in den Hörsaal gebracht. Oder einen Kaffee. Oder das Franzbrötchen von Bäcker Kruse. Aber zum Glück erfindet Leuphana alles neu. Ein Seminar mit braunen Tüten, anderswo eine Tradition. Das müssen wir nachmachen. Natürlich:
"Es ist eine angelsächsische Tradition, an die wir anknüpfen wollen", erklärt Dekan Prof. Dr. Thomas Wein. "Dort gibt es vor allem um die Mittagszeit eine braune Papiertüte mit Essen, während die Professoren aus dem Nähkästchen plaudern oder über Höhepunkte ihrer Forschung berichten." Ziel sei ein lockerer akademischer Austausch zum Lunch. [1]
Während einer Vorlesung. Aha. Apropos Mittagessen in der Tüte. Das kennen wir doch von irgendwo. Kein Wunder, dass "Student" im LZ-Leserforum den Vergleich zum Happy Meal einer großen Fast Food-Kette zieht. Und es sich nicht nehmen lässt, auf einen interessanten Zusammenhang hinzuweisen:
Angesichts der Tatsache, dass 64.5 % der erwachsenen Bevölkerung in den USA übergewichtig sind und dort jährlich 300'000 Todesfälle auf Fettleibigkeit (Adipositas) zurückzuführen sind, scheint mir der Import dieser Veranstaltungsform fraglich zu sein. [1]
Gast "Benjamin" weist noch auf eine andere Problematik hin:
Die Folie, in der das Sandwich eingewickelt ist, widerspricht darüber hinaus auch noch dem Nachhaltigkeitskonzept der Universität. [1]
So kennen wir die USA: Müllberge, Einwegverpackungen, Hochschulinnovationen. Gegen den Hunger könnte man alternativ ganz klassisch a la Lüneburg auch etwas anderes unternehmen: In die Biomensa gehen, einen saftigen Salat aufs Tablett stellen und sich neben den Professor zum Mensen setzen. Small talk und lockerer akademischer Austausch inbegriffen. Aber das wäre wenig innovativ. Dann lieber braune Tüten.


Quellen:
[1] http://www.landeszeitung.de/lokales/lueneburg/news/artikel/das-seminar-fuer-hungrige-studenten/