Samstag, 3. Dezember 2011

Unimarketing und Realität

Das Universitätsmarketing ist nach Auffassung von Präsident Spoun von besonderer Bedeutung für die Leuphana Universität Lüneburg. Er schreibt:
"umso wichtiger ist die Funktion des Hochschulmarketings, mit klarer Stimme und eindeutigem Absender die Vision zu artikulieren ..." [1]
Aber wie funktioniert Marketing und wie stark ist der Realitätsbezug? LeuphanaWatch untersucht als Beispiel ein Bild aus der Broschüre "Das Otto Group Stipendienprogramm. Verstehen. Und handeln." [2]

Quelle: Broschüre "Das Otto Group Stipendienprogramm. Verstehen. Und handeln." [2] Seite 2/3, (c) Leuphana Universität Lüneburg

Was möchte dieses Foto dem Betrachter sagen? Es zeigt das Hörsaalfoyer im warmen Sonnenlicht des Vormittags und erzeugt eine angenehme, zum Aufenthalt einladende Atmosphäre. Der Effekt wird durch zwei sympathische Studentinnen im Vordergrund verstärkt, die offenbar in einem netten Gespräch sind und freundlich lächelnd ein positives Gefühl ausstrahlen. Hier kann man verweilen, hier ist eine positive Grundstimmung. Gleichzeitig entsteht nicht der Eindruck, als würde an der Leuphana Universität Lüneburg gefaulenzt. Im Bildhintergrund sind mehrere Personen zu sehen, die sich auf dem Weg in die Bibliothek befinden. Die Wissenschaft ist also im Gange und es wird geforscht und gelernt. Dies belastet jedoch nicht die positive Grundaussage durch die zurücktretende Erscheinung mit geringer Größe - aber nicht als Randnotiz - im Hintergrund.

Ganz entscheidend ist die Umgebung der anwesenden Personen. Von den Metallträgern der Decke hängen künstlerische Bilder in kräftigen Farben. Sie zeigen Kreativität und künstlerischen Elan. An den Säulen rechts und links hängen unzählige bunte Plakate. Sie stellen das studentische Leben dar, symbolisieren geradezu die Lebendigkeit und Vielfältigkeit im Gegensatz zum kalten Beton.

Kernaussage des Bildes: Die Leuphana Universität Lüneburg ist als Lernort sympathisch, kreativ, lebendig, jung, vielfältig und entspannt. Komm hierher, nehme die positive, freundliche Stimmung auf. Tritt in das Bild ein, gehöre dazu.

Das Bild des Hörsaalfoyers ist ein Meisterstück der Marketingabteilung [3]. Es zeigt die von Sascha Spoun geforderte Vision und kommuniziert sie klar und deutlich. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Wer das Hörsaalfoyer betritt, genießt selten die warme Morgensonne. Im Sommer wäre das Bild eines Treibhauses angebracht. Bilder an der Decke sucht man vergeblich, genauso wie die vielen bunten Plakate an den Säulen. Es dominiert der Beton.

Warum zeigt die Broschüre nicht die Realität? Die Botschaft wäre vermutlich eine ganz andere. Ehrlicher wäre sie. Immerhin ist das Foto trotz vermutlich erfolgter grafischer Bearbeitung zumindest echt. Bevor die Leuphana Universität Lüneburg das seit einem Jahrzehnt erlaubte Plakatieren untersagte, gab es tatsächlich ein wesentlich bunteres Bild im Hörsaalfoyer. Die Deckenbilder waren ebenfalls vorhanden - sie wurden für einen kurzen Zeitraum extra für das besprochene Foto aufgehängt und verschwanden wenig später wieder.

LeuphanaWatch findet: Die Universitätsleitung sollte sich ein Vorbild an ihrer eigenen Marketing-Vision nehmen. Mit Plakaten und Bildern sieht das Hörsaalfoyer so viel ansprechender aus. Wenn die richtigen Entscheidungen getroffen werden, könnte die Marketingvision wieder einen Realitätsbezug erhalten.

Quellen:
[1] Brune / Seyfarth / Spoun: Hochschulmarketing in Zeiten von Blogs, Wikipedia und YouTube: Zur prozessanstoßenden Kommunikation für öffentliche Universitäten, in: Heuser / Spoun (Hrsg.): Virale Kommunikation - Möglichkeiten und Grenzen prozessanstoßenden Marketings. Nomos. [Leuphana Bibliothek: BWL 634.070], Seite 240
[2] http://www.leuphana.de/fileadmin/user_upload/college/otto_group/files/ottobroschuere_neuauflage_22.11.2010.pdf
[3] http://www.leuphana.de/ueber-leuphana/organisation/praesidium/universitaetsmarketing.html

Kommentare:

  1. Am bessten gefällt mir das Bild welches auf der ersten Folie des Leuphana Folienmasters ist (http://www.leuphana.de/intranet/arbeitsplatz/vorlagen-und-designs/praesentationslayouts.html). Es zeigt zwei Studentinnen die im Hörsaalgang auf einem Tisch sitzen und gemeinsam in ein Buch schauen. Im Hintergrung sieht man durch die Fenster den herbstlich grauen Campus. Kein anderes Bild macht den Mangel dieser Universität und dass Unverständnis der Hochschulleitung über die Bedürfnisse besser deutlich. Da Sitzen die Studierenden in einem Flur, haben nichtmal Stühle, müssen sich ein Buch teilen und das ganze unter einem bleigrauen Himmel. So schön kann man es mit einem Bild auf dem Punkt bringen, dass man studentische, bunte, fröhliche Lebenswelten und angenehme Lernatmosphäre verdrängt wo immer es geht. Auf der Homepage konnte ich das Bild nichtmehr finden. Scheint nicht gut in die Leuphana Hochglanzwelt zu passen.

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  2. @ "laecherlich":
    kannst Du deine Aussage bitte erlaeutern? Ich halte die Analyse fuer sehr treffend.

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  3. Ich habe mich neulich über die kahlen gesäuberten Betonsäulen gewundert - seit wann darf dort nichts mehr aufgehängt werden? Wie wurde das kund getan? Ich habe davon nichts mit bekommen und dachte, das kann nicht wahr sein, als ich jemanden die Klebestreifen abkratzen sah.
    Bitte um Antwort, interessiert mich.

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  4. Stimmt das Uni Marketing sollte am besten die abgeratzten Teile des Parkplatzes hinter der Campus Ladenzeile zeigen..das wäre wenigstens die ehrlich wahre WAHRHEIT über die Uni. Mann Mann Mann..versteht ihr eigentlich wofür Broschüren da sind?

    Die Uni Heidelberg zeigt auch nicht den abgeratzen Naturwissenschafts-Campus auf ihren Broschüren, sondern die schöne alte Aula in der Innenstadt, die die Studierenden nur zur Überganbe des Zeugnisses sehen.

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  5. begründet wurde das mit dem Brandschutz auch wenn sich dieser nicht einmal verändert hatte. Lustig auch: bevor McAllister an die Uni kam wurden anti-atom-plakate von den Brettern der studentischen initiativen entfernt, alle. Gab wohl die besseren bilder.

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  6. Natürlich schönt Marketing immer die Realität, wenn man allerdings dabei zu weit geht ist man nahe am Betrug. Wenn eine Institution ihre Außendarstellung soweit verändert, dass sich die Mitglieder der Institution darin nichtmehr wiederfinden und damit identifizieren, finde ich das ganze bedenklich. Wenn wie im oben genannten Fall Dinge positiv aufgegriffen werden die dann in der Realität verboten werden, ist das ganze nurnoch lächerlich.

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  7. weil's einfach immer wieder schön ist und so mancher Uni-Neuling es noch nicht kennt:

    Hier ein altes Meisterstück des Marketings:

    http://www.youtube.com/watch?v=43vhUC5_1xA&feature=channel_video_title

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  8. Habt ihr schonmal in so ein Magazin wie die Bunte, Gala, Bild der Frau oder etc. geschaut. Ich glaube das nennt man Frauen-Magazine. Da ist jedes Foto mindestens mit 2 Stunden Photoshop bearbeitet worden.

    Auch die Werbeanzeigen von Audi, BMW und Mercedes sind bearbeitet worden. Wer möchte den schön Vogeldreck auf so einem Auto sehen, wenn man es auf einem 5x3 Meter Plakat sieht.

    Aber bitte nicht zu viel Photoshop sonst passiert das:
    http://www.psdisasters.com/2010/02/stern-undercarriage-is-extra-15.html

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  9. schöne Vorbilder! Wir sind eine Universität für die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts, da haben wir es doch nicht nötig uns auf das Niveau der Bunten zu begeben - wir wollen in die BILD!

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