Freitag, 23. März 2012

EU-Korruptionsbekämpfer ermitteln weiter

Im letzten Jahr besuchten die Korruptionsbekämpfer der EU (OLAF) für mehrere Tage die Leuphana Universität Lüneburg. Sie ermittelten in Sachen Audimax, bei dem mehrere Millionen Euro aus EU-Förderung verbaut werden sollen. Anfang dieses Monats berichtete nun die Hannoversche Allgemeine (HAZ), dass OLAF weiter ermittelt. Dazu schreiben die Kollegen:
"Die Behörde hat Landtagspräsident Hermann Dinkla angeschrieben und gebeten, in die vertraulichen Protokolle der Sitzungen des Landtags-Wissenschaftsausschusses Einblick nehmen zu können. Eigentlich steht dies Außenstehenden nicht zu (...) (1)"
Diesem Anliegen ist der Landtag jetzt nachgekommen, wie die LZ berichtet.
Der Wissenschaftsausschuss hat sich jetzt dafür ausgesprochen, Akten über die Leuphana an das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) weiterzugeben. Konkret geht es um "nicht-öffentliche Niederschriften und eine Vorlage zum geplanten Neubau eines Zentralgebäudes". (2)
Scheinbar ist der Verdacht der Korruptionsbekämpfer bislang nicht ausgeräumt.

(1) http://www.haz.de/Nachrichten/Der-Norden/Uebersicht/EU-Ermittler-pruefen-Bau-der-Uni-Lueneburg
(2) "Uni-Akten nach Brüssel", LZ vom 20.3.12. auf S. 3

Donnerstag, 22. März 2012

"Tofu ist schwules Fleisch": Empörung über Leuphana-Erfinder

Die Werbeagentur Scholz & Friends hat die Marke "Leuphana" erfunden. Jetzt stehen die Werbemacher unter heftigem Feuer. Grund ist eine Werbekampagne für eine Steakhauskette, die mit markigen Sprüchen aufwartet.

Auf einem Holzbrett liegt ein Steak, darauf eingebrannt sind verschiedene Aussagen. Ethisch zweifelhafte Aussagen wie „Wenn man Tiere nicht essen soll, warum sind sie dann aus Fleisch?“ (1) mögen Tierschützer auf die Palme bringen. Ein wahrer Sturm der Empörung brach jetzt über Scholz & Friends für folgende Aussage los:
„Tofu ist schwules Fleisch“ (1)
Im Internet ist die Aufregung groß, Schwulenverbände und die Politik sind empört. Im Internet wird gar zum Boykott der Steakhauskette aufgerufen. (1) Gegenüber der Hamburger Morgenpost (MOPO) fasst der Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Grüne) zusammen:
„Schwule seien keine richtigen Männer, Lesben keine richtigen Frauen, Tofu kein richtiges Fleisch – wer so etwas denkt, ist nicht ganz bei Trost“. (1)
Besonders pikant für Scholz & Friends ist, dass die Steakhauskette jede Verantwortung von sich weist. Sie hat zwar die Kampagne freigegeben, aber das Motiv "Tofu ist schwules Fleisch" abgelehnt. Durch ein "Missverständnis" bei der Werbeagentur ist es aber trotzdem an die Öffentlichkeit gelangt. (1)

Auf den Wirbel angesprochen geben sich die Leuphana-Erfinder kleinlaut. Scholz & Friends würde die Aussage nach eigener Auskunft heute nicht mehr so machen und bedauert, Gefühle verletzt zu haben. (1)

Mehr bei den Kollegen der MOPO.

(1) http://www.mopo.de/nachrichten/hamburger-werbeagentur-am-pranger--tofu-ist-schwules-fleisch---riesen-zoff-um-diese-werbung,5067140,11947678.html

Mittwoch, 21. März 2012

ASTA & STUPA: Campushotel endgültig begraben

Im Februar berichtete LeuphanaWatch darüber, dass der Bebauungsplan für die Leuphana Universität Lüneburg geändert werden soll. Grund ist ein falsch geplanter Bürgersteig. Jetzt haben ASTA und Studentenparlament dazu Stellung genommen. Zum Bürgersteig äußern sie sich dabei nicht, denn sie haben ein ganz anderes Anliegen. In der Stellungnahme heißt es:
Im Bebauungsplan findet sich, neben den drei Alternativen zum Bürgersteigverlauf, auch ein Sondergebiet "Hotel / Parkhaus". Neben dem Zentralgebäude als Veranstaltungszentrum war auch ein Tagungshotel geplant, um BesucherInnen unterbringen zu können. Die Pläne, ein Hotel auf dem Campus zu errichten, wurden im Dezember 2010 vom Stiftungsrat verworfen. Der Stiftungsrat verwies auf die Möglichkeit, ein Hotel außerhalb des Universitätsgeländes zu realisieren. Nach Meinung des AStA sollten die Flächen auf dem Campus für universitäre Nutzung zur Verfügung stehen. Fremdnutzungen sind zu vermeiden, um Entwicklungspotenziale der Universität langfristig zu sichern. Der aktuelle Raummangel der Universität kann nicht beseitigt werden, wenn potentielle Erweiterungsflächen an andere Zwecke gebunden sind, vor allem in Anbetracht der Zentralisierungspläne der Universität auf den Campus Scharnhorststraße. Daher sollte das aktuelle Sondergebiet "Hotel / Parkhaus" umgewidmet werden zum Sondergebiet "Universität / Parkhaus".

Da ein Änderungsverfahren zum Bebauungsplan stattfindet, fordern wir, dass diese Fläche in Zukunft der universitären Nutzung offensteht und im aktuellen Planänderungsverfahren umgewidmet wird. Quelle: ASTA
Mit ihrem Anliegen bleiben die Studentenvertreter ihrer Forderung treu, nicht universitäre Nutzungen vom Campusgelände fernzuhalten. In ihren Augen handelt es sich bei solchen Nutzungen um eine Platzverschwendung, welche die langfristigen Entwicklungspotenziale der Leuphana Universität Lüneburg einschränkt (LeuphanaWatch berichtete). Vollkommen zu recht verweisen die Studenten darauf, dass der Stiftungsrat vor über einem Jahr den Hotelplänen einen Riegel vorschob.

Es wird interessant sein, ob die Studentenvertretung bei der Hansestadt Lüneburg Gehör findet. Sie hat jedenfalls ein mehr als deutliches Zeichen gesetzt, dass es ihr mit ihrem Anliegen ernst ist: Die Stellungnahme wurde einstimmig vom ASTA und dem gesamten Studentenparlament verabschiedet - in den vergangenen Wochen war das Parlament eher durch gegenseitige Blockade der beiden politischen Blöcke aufgefallen. In dieser Sache ziehen jetzt alle an einem Strang. Das hat beim Campushotel Tradition. Auf den Webseiten des ASTA zur Campusentwicklung finden sich genügend Beispiele für die harte Linie der Studentenvertreter:
Mindestens ebenso interessant wie das Verhalten der Hansestadt dürfte selbiges der Leuphana Universität Lüneburg sein. Der Stiftungsrat hat das Hotel bekanntlich schon zu den Akten gelegt, zuletzt hatte Vizepräsident Holm Keller argumentativ auf die Linie der Studentenvertretung eingeschwenkt. Jetzt kann er beweisen, dass es ihm mit der neuen Linie ernst ist:

LeuphanaWatch ruft die Entscheidungsträger dazu auf, sich dem sinnvollen Anliegen der Studenten anzuschließen.

Für Stiftungsrat und Präsidium bietet sich die Chance, bei den schärfsten Kritikern verlorene Sympathien zurückgewinnen. Und das ganz ohne schwierige Zugeständnisse, denn auf ein Hotel auf dem Campus hat man ja bereits verzichtet. Jetzt folgerichtig die Planung zu ändern wäre die logische Konsequenz. Alles andere wäre ein Eingeständnis, dass man noch immer am irrsinnigen und nicht zukunftsfähigen Hirngespinst eines Hotels auf dem Campus festhält.

Sonntag, 18. März 2012

Neuer ASTA setzt auf Dialog, aber muss auch streiten

Die neuen Sprecher des ASTA (LeuphanaWatch berichtete) setzen auf eine "Strategie des Dialogs". Das berichtet die Landeszeitung (1). Insgesamt will der ASTA weniger nach außen wirken, sondern sich auf die Studenten fokussieren. Er will neue Aktive gewinnen, sich dabei insbesondere um Masterstudenten bemühen und auch in Volgershall und im Roten Feld präsent sein (1).
"Wir wollen uns als offen präsentieren, alle Studenten ansprechen und erklären, was der AStA ist und was er tut", sagt Tanja Mühle. (1)
Auch einige Themen benennt das neue Spitzentrio: mit dem Präsidium über einen achtsemestrigen Bachelor sprechen, am autoarmen Campus mitarbeiten, die Busanbindung verändern und an der Raumplanung der Leuphana Universität Lüneburg mitwirken (1). Der Fokus des neuen Personals scheint sehr klar: Mitarbeit, Gespräche, Kooperation. Das sieht auch die LZ:
Die neuen Studentenvertreter kündigen an: Sie setzen auf eine Strategie des Dialogs, sowohl mit den Studenten als auch mit der Hochschulleitung. Mit dem Uni-Präsidenten Sascha Spoun habe bereits ein konstruktives Gespräch stattgefunden, berichtet Kevin Kunze. Auch mit dem Ombudsmann des Präsidiums, Thies Reinck, wollen sich die Studentenvertreter intensiv austauschen. Der Akzent scheint auf Gesprächen zu liegen statt auf Grundsatzkritik. (1)
LeuphanaWatch denkt: Es ist sinnvoll, mit wichtigen Amtspersonen Gespräche zu führen. Nur so ist es auch möglich, neue Ideen in den Umlauf zu bringen und diese näher zu erläutern. Nur dürfen Gespräche nicht als inhaltliche Position angesehen werden, sondern als Mittel zum Zweck. Wichtig ist dabei, die eigenen Positionen unmissverständlich zu vertreten und für die eigenen Ziele einzutreten. Es dürfen nicht aus falscher Rücksicht auf eine wenig greifbare "Gesprächsatmosphäre" Abstriche an der eigenen Position erfolgen - oder Themen gar nicht erst angesprochen werden. Wenn Grundsatzkritik nötig ist, dann muss sie auch erfolgen. Gegen Kompromisse und gemeinsame Teilziele ist nichts einzuwenden, aber Kompromisse bedeuten immer Bewegung bei allen Gesprächspartnern. Es bleibt abzuwarten, ob eine solche Bewegung bei unterschiedlichen Auffassungen in zentralen Fragen auf Seiten des Präsidiums zu beobachten sein wird.

Dialog oder Konfrontation, in jedem Fall ist dem neuen ASTA eine ausgeprägte Streitkultur zu wünschen:
Streitkultur zu besitzen bedeutet: mit Worten und Medien den eigenen Standpunkt vertreten zu können, ohne dem Anderen abzusprechen, dass auch er einen abweichenden Standpunkt besitzt und besitzen darf. Streitkultur schließt ferner die Überzeugung ein, dass der Streit grundsätzlich Positives bzw. Bedeutendes hervorbringen kann, da er alte Normen und Fakten in Frage stellt und nach der Möglichkeit von Alternativen Ausschau hält, unabhängig davon wie nützlich oder angemessen das Bewährte auch ist. (2)
In einer demokratischen Gesellschaft haben Menschen verschiedene Meinungen, die Demokratie lebt von politischer Auseinandersetzung. Deshalb ist eine gesunde Streitkultur wichtig und wenn nötig sollte ein Streit auch geführt werden. Das muss keine Verschlechterung des Gesprächsklimas bedeuten, wenn alle beteiligten Parteien den Wert des Streits teilen. Es ist zu hoffen, dass die neuen ASTA Sprecher diese Erfahrung machen können. Tritt aber eine Ablehnung inhaltlichen Streits bzw. eine dadurch bedingte Klimaverschlechterung auf, dann heißt es Flagge zeigen und trotzdem Standpunkte vertreten. Auch wenn der angestrebte Dialog dadurch schwieriger oder unmöglich wird.

Nicht überall sind der inhaltliche Streit und die Kompromissuche akzeptiert: In autokratischen Systemen wird ein Streit um inhaltliche Positionen als "Schwächung der Gemeinschaft bzw. als Abweichung von akzeptierten und stabilisierenden Normen gewertet." (2) Damit dürfte sich eine Studentenvertretung aber keinesfalls arrangieren. Ihr kommt immerhin zu Gute, dass es in unserer Gesellschaft für streitbare Positionen weithin große Unterstützung quer durch die politischen Lager gibt. "Kuschelpolitik" steht nicht so hoch im Kurs, wie es manchmal den Anschein hat oder wie einige Menschen glauben oder glauben machen wollen. Das gilt gerade auch in Hochschulen, die um den richtigen Weg in die Zukunft ringen müssen. Zur Bedeutung von Kontroverse sagte vor Kurzem noch der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf:
Gott sei Dank sagt mal jemand Dinge, die kontrovers sind. (...) Ohne Streit gibt es keinen Fortschritt. Ohne Streit gibt es keine Bewegung in der Gesellschaft. Ohne Streit gibt es auch keine Reformen. Also es muss gestritten werden und wir werden in den nächsten Jahren viel mehr streiten müssen als es uns lieb ist. (3)
In diesem Sinne wünscht LeuphanaWatch dem neuen ASTA viel Streit mit dem Präsidium.

(1) http://www.landeszeitung.de/lokales/lueneburg/news/artikel/trio-setzt-auf-strategie-des-dialogs/
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Streitkultur
(3) Zum Bundespräsidenten Gauck, in der Sendung "Maybrit Illner" am 15.03.12 ab Minute 40: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/414#/beitrag/video/1594906/maybrit-illner:-Gauck-for-President

Freitag, 16. März 2012

Kein Hauch von 68: Übernahme der Hochschulen (1/3)

Der Präsident einer Hochschule freut sich über bundesweite Publicity, aber beim Blick in die aktuelle Ausgabe des Magazins "Kultur & Gespenster" [1] dürfte Sascha Spoun das Blut in den Adern gefrieren. Unter dem Titel "Kein Hauch von 68" [2] rechnen zwei Lüneburger Senatoren mit dem deutschen Hochschulwesen ab. Ihr Beispiel: die Leuphana Universität Lüneburg. Prof. Dr. Pierangelo Maset und die studentische Senatorin Daniela Steinert unternehmen einen "zweistimmigen Versuch zur unlustigen / irrsinnigen / wahnwitzigen Lage an den deutschen Hochschulen" [2]. Mit provokanten Thesen fassen sie durchaus pointiert, aber trefflich ihre Sicht der Dinge zusammen. LeuphanaWatch berichtet in einer kurzen Reihe über den lesenswerten Essay und versucht durch Schlaglichter auf einzelne Passagen eine inhaltliche Annäherung an den Kern des umfangreichen Gesamttextes.

Übernahme der Hochschulen

Zunächst widmen sich die Verfasser der allgemeinen Entwicklung des Hochschulsystems, welches sich nach ihrer Ansicht von der Öffentlichkeit kaum registriert dramatisch verändert.
"Weitgehend unbemerkt von einer größeren Öffentlichkeit oder lediglich Achselzuckend kommentiert, hat sich in den letzten Jahrzehnten ein einschneidender Wandel in unseren Bildungsinstitutionen vollzogen, ein Wandel, der für die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung heftige Auswirkungen haben wird. Die Reformen, die im Zeichen des sogenannten Bologna-Prozesses gegenwärtig eine Überbietung aller Bürokratie-Albträume realisiert haben, verbanden konsequent das bürokratische italienische Hochschulsystem mit dem kontrollintensiven angelsächsischen. (...) Dabei hat die EU sich niemals auf ein gemeinsames - inhaltliches - Verständnis von >>Bildung<<, >>Wissenschaft<< oder etwa >>Qualität<< geeinigt. Vielmehr ist sie eben auch hier nur eines: eine Wirtschaftsgemeinschaft, die Strukturen Output-orientiert gestaltet und umformt." [3]
Derartige Veränderungen fassen Maset und Steinert unter dem Schlagwort der "unternehmerischen Hochschule" zusammen. Diese verdrängt Mitbestimmung sowie die Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend durch Bürokratie und Verwertungslogik. Im Alltag ist der Wandel deutlich spür- und sichtbar:
"Im Zentrum der >>unternehmerischen Hochschule<< stehen nicht mehr vorrangig Erkenntnis und Wahrheitssuche, sondern zunehmend die Einwerbung von Mitteln und der Vertrieb der Marke sowie das gehetzte Ringen um mediale Aufmerksamkeit. Hart erarbeitete Steuergelder werden an peinliche Marketingabteilungen verteilt, die statt dem Ziel, einer chancengerechten Wissensvermittlung zu dienen, mit hohlen Werbeslogans ein >>Ringen um Talente<< entfesseln." [4]
Eine den Hochschulen bislang fremde Kultur hat Einzug gehalten, die eindeutig durch den Diskurs der BWL geprägt ist. Sie wird zwangsläufig zu einer Zerstörung des Zielbildes der "demokratischen Hochschule" führen.
"Exzellenz-Rhetorik, begleitet von durch BWL-Kennzahlen korrumpierte Forschung und Lehre halten ihren Einzug in die Hochschulen ebenso wie ununterbrochene Preisverleihungen und sinnwidrige Prestigeprojekte: (...) Von der Exzellenzinitiative bis zur Einäscherung eines freiheitlich-demokratischen Bildungswesens ist es jedoch nur noch ein kleiner Schritt. Ein Schritt, der stets begleitet ist von Kosten-Nutzen-Rechnungen, Stärken-Schwächen-Gegenüberstellungen und den viel zitierten >>Qualitätssicherungen<<." [5]
All das geht an den Angehörigen der deutschen Hochschulen nicht spurlos vorbei. Es finden grundsätzliche Neudefinitionen der Aufgaben und des Selbstverständnisses von Wissenschaftlern und Studenten statt. Die Senatoren formulieren so:
"Heute an einer Hochschule zu arbeiten heißt häufig, sich ununterbrochen mit Selbstmanagement zu befassen, gezwungen zu sein, zum Reputationssammler zu verkommen (...)." [6]
"Heute an einer Hochschule zu studieren heißt, im universitären Assessment-Center unentwegt Gesten nachzuahmen, um das Ich-Kapital als einzigartig und optimierungsfähig auszuweisen." [6]
Gerade für die Studenten beschränken sich die Auswirkungen nicht nur auf das Studium selbst, sondern wirken erheblich in das Verständnis des gesamten Lebensabschnitts und die persönliche Entwicklung hinein. Auch die studentische Vertretung wandelt sich grundlegend.
"Die Inflation von projekthaft organisiertem Engagement und der Wille zur >>Partizipation<< erstreckt sich weitestgehend auf nur bedingt selbst organisierte Angebote, die sich zum einen gut im Lebenslauf machen und zum anderen oft in pseudo-kritischer Manier einer fortschrittsgläubigen Selbstbeweihräucherung anheimfallen. Die Studierendenschaft als außerparlamentarische politische Kraft und als national vernetzte Actrice hat sich weitgehend von der Bühne verabschiedet." [7]
LeuphanaWatch findet: Es sind klare Worte, die zwei erfahrene Hochschulpolitiker hier äußern. Und sie sind überfällig. Die Debatte prägten bislang umfangreiche und (selbst)beweihräuchernde Auslassungen der Befürworter der stattfindenden Entwicklung. Dass nun weitere Akteure der Gegenseite ihren Hut mit Wucht in den Ring werfen, macht Mut für die Zukunft. Zumindest verspricht es die Möglichkeit, einem wichtigen Diskurs mehr Leben einzuhauchen. Es gehört in die öffentliche Diskussion, was derzeit an den deutschen Universitäten vonstatten geht. Schließlich betreffen die Veränderungen vordergründig nur die Hochschullandschaft, wirken sich tatsächlich aber in erheblichem Maße auf die Gesellschaft als Ganzes aus. Sie muss die demokratische Kontrolle über die Zielsetzungen im Hochschulwesen wiedererlangen - eine Bestandsaufnahme samt Diskussion sind erste Schritte auf diesem Weg. Der Essay aus Lüneburger Feder kann dazu beitragen und sollte weite Beachtung finden.

LeuphanaWatch-Leseempfehlung
Pierangelo Maset / Daniela Steinert: Kein Hauch von 68, in: Kultur & Gespenster, Ausgabe 13 "stabile Seitenlage", Winter 2012, S. 65 - 83 (erhältlich z.B. am Bahnhofskiosk, bei Unibuch oder per online-Bestellung)

Im zweiten Teil dieser Reihe geht es in der nächsten Woche um die Leuphana Universität Lüneburg als das "Viagra der Exzellenzinitiative" [8].

LeuphanaWatch dankt für den Themenhinweis.
[1] http://www.kulturgespenster.de
[2] Pierangelo Maset / Daniela Steinert: Kein Hauch von 68, in: Kultur & Gespenster, Ausgabe 13 "stabile Seitenlage", Winter 2012, S. 65 - 83
[3] Seite 67 f.
[4] Seite 71
[5] Seite 68
[6] Seite 66
[7] Seite 66 f.
[8] Seite 73

Mittwoch, 14. März 2012

Förderung für Projektideen

Studenten der Leuphana Universität Lüneburg können ab sofort ihre Projektideen beim Studentenperlament einreichen und eine finanzielle Förderung beantragen. Darauf weist ein Aufsteller im Hörsaalfoyer hin. Bedingung dafür ist, dass das Projekt der Studentenschaft zu Gute kommt und niemanden diskriminiert.
Mehr Informationen und ein Antragsformular gibt es auf der Webseite des ASTA.

Dienstag, 13. März 2012

Der Vamos-Deal

Jetzt ist offiziell, Leuphana Universität Lüneburg und Campus Lüneburg haben sich über das Schicksal des Vamos Biergartens und die Konditionen des Deals geeinigt. LeuphanaWatch hatte schon vor Tagen exklusiv über den Durchbruch in der Vamos-Frage berichtet.

Die am gestrigen Morgen notariell besiegelte Vereinbarung (1) enthält folgende Kernelemente:
Die Vertragsparteien verständigten sich jetzt darauf, dass ein Teil der Freifläche (des Biergartens, LW) mit sofortiger Wirkung an die Universität zurückgegeben wird. Im Gegenzug erhält Campus Management eine finanzielle Entschädigung für entgangene Gewinne aus dem Biergartenbetrieb. Über die Höhe der Entschädigung, die den Berechnungen eines vereidigten Wirtschaftsprüfers folgt, haben die Parteien Stillschweigen vereinbart. (2)
Leuphana Universität Lüneburg und Campus tauschen also Zeit (der Pachtvertrag für den Biergarten lief noch bis 2014) gegen Geld (entgangener Gewinn durch frühere Rückgabe der Fläche).
Gleichzeitig wird der für die Halle (Vamos, LW) bestehende Mietvertrag um vorerst ein Jahr bis Ende 2015 verlängert.
... Auch für das Vamos gebe es nun eine klare Perspektive und ausreichend Zeit, alle Optionen für den weiteren Betrieb zu prüfen (sagt Holm Keller, LW).(2)
Der Pachtvertrag wird also um ein Jahr verlängert, so dass Campus Lüneburg genug Zeit hat, seinen Wegzug vom Unicampus vorzubereiten. Das lässt sich recht deutlich aus der LZ herauslesen, die Oberbürgermeister Mädge zitiert:
Mädge kündigt an: "Die Stadt wird dabei helfen, dem Vamos auch nach 2015 eine Zukunft in Lüneburg bieten zu können." (1)
In Lüneburg, nicht auf dem Campus. Nähere Details zu dieser Frage will Campus heute in einer Pressekonferenz bekannt geben. Mit weiteren Presseberichten ist also zu rechnen. Nicht zuletzt ist ein entscheidender und nicht zu unterschätzender Teil des Deals die Kaufoption der Leuphana Universität Lüneburg für weitere Immobilien von Campus:
Im Zuge der Verhandlungen verständigten sich Universität und Campus Management auch darüber, dass die Universität bis zum 31. Oktober 2013 Liegenschaften auf dem Campus Scharnhorststraße ankaufen kann, die sich derzeit im Besitz von Campus e. V. bzw. der Campus Management GmbH befinden. Dabei handelt es sich um das Campus Center, die sogenannte Ladenzeile, und das Gebäude 15, das derzeit als Wohnheim „Campus 1“ genutzt wird. (2)
Immobilienexperten gehen laut LZ von einem Wert von drei bis vier Millionen Euro für diese Gebäude aus. Offizielle Zahlen liegen aber nicht vor. (1) Die Kaufoption für diese Bauten ist tatsächlich ein nicht zu unterschätzender Schachzug der Leuphana Universität Lüneburg. Die Ladenzeile schiebt sich derzeit wie ein Riegel zwischen das geplante Audimax und den Bereich der Hörsäle und der Bibliothek. Außerdem ist sie mit nur einem Stockwerk (dem Erdgeschoss) eine denkbar schlechte Ausnutzung der knappen Fläche auf dem Unicampus. Ein Abriss und eine neue Bebauung durch Universitätsgebäude wäre eine sehr sinnvolle Lösung. Das gilt besonders, da auf dem Unicampus perspektivisch Platz für Entwicklungen bleiben sollte. Das muss wohl ähnlich für das Wohnheim Campus 1 gelten, welches wichtigen Platz für universitäre Nutzungen blockiert. Auch hier könnten zusätzliche Büros und Seminarräume direkt auf dem Unicampus geschaffen werden. Allerdings stellt sich vorher die Frage, wo statt dessen günstiger Wohnraum für Studenten als Ersatz geschaffen werden könnte. Warum das Wohnheim Campus 2 allerdings außen vor bleibt, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Vermutlich wollte der Campus e.V. es schlicht nicht abgeben - der Sanierungsstau ist in Campus 1 weit größer.

Eins überrascht dann aber doch. Es ist die scheinbare Läuterung von Vizepräsident Holm Keller. Der sagt jetzt:
Die Leuphana gewinnt durch die Option auf den Immobilienkauf Handlungsspielraum, erklärt Uni-Vizepräsident Keller: "Es geht um die Konsolidierung des Immobilien-Portfolios. Die Uni kann sich so am Standort Scharnhorststraße künftig auf eigenem Grund weiterentwickeln." Es gebe noch keine konkreten Planungen. Aber die Vereinbarung eröffne die Chance, mittel- bis langfristig bei Studentenzahlen auch räumlich ein Wachstum zu realisieren. (1)
Das hörte sich vor nicht allzu langer Zeit noch ganz anders an. Da plante Keller ein Hotel und ein weiteres Wohnheim auf dem Campus, was der ASTA seinerzeit als Platzverschwendung kritisierte. (3) Erst der Stiftungsrat stoppte das unsinnige Vorhaben und sicherte damit Flächen für eine zukünftige bauliche Entwicklung der Leuphana Universität Lüneburg.

Jetzt sichert also Holm Keller mit dem Immobiliendeal Potenziale für die Zukunft. Ein sinnvoller Schachzug, der Zustimmung verdient. Aber ist tatsächlich eine Läuterung eingetreten und Keller sichert Entwicklungsspielräume - oder will Keller lediglich Campus Lüneburg möglichst weitgehend vom Unicampus verdrängen? Letztlich kann die Motivation egal sein, die Kaufoption ist erstmal richtig.

Quellen:
(1) http://www.landeszeitung.de/lokales/lueneburg/news/artikel/handel-um-zeit-und-geld/
(2) http://www.leuphana.de/aktuell/meldungen/ansicht/datum/2012/03/12/einigung-zwischen-universitaet-und-vamos-betreibern-perfekt.html
(3) Sehr ausführlich zum Hotel Seite 26 in http://www.asta-lueneburg.de/fileadmin/images/asta2_0/sonderausgabe_campusentwicklung_online.pdf