Donnerstag, 5. Mai 2011

Alt-Präsident meldet sich zu Wort

Der ehemalige Präsident der Universität Lüneburg hat sich in einem offenen Brief an die Senatoren gewandt. Das eindrucksvolle Dokument wurde über eMailverteiler verschickt. Wir geben es unkommentiert wieder, denn der Inhalt spricht für sich selbst.

Offener Brief an die Mitglieder des Senats der Universität Lüneburg

Sehr geehrte Damen und Herren,

Mit wachsender Besorgnis sehe ich die Vorgänge zwischen der Hochschulleitung und dem Senat seit jenem Senatsvotum vom 6. April.

Die meisten von Ihnen kennen mich nicht. Ich bin Alt-Rektor und Emeritus dieser Universität und habe – zusammen mit anderen - viele Jahre für die nachhaltige (!) Entwicklung und Stabilisierung der Hochschule gearbeitet (und auch gekämpft). Auch wenn man sich aus den Querelen der Nachfolgenden heraushalten sollte, sehe ich mich nun doch veranlassst, den Senat direkt anzusprechen, statt einen Leserbrief zu schreiben, weil es m.E. um mehr geht als um eine (wenn auch nicht irgend eine) interne Personalie, die nur die sichtbare Spitze eines Eisberges sein dürfte.

Es ist eigentlich nicht zu fassen, wie die Hochschulleitung mit dem Senat umgeht, was sie der Institution zumutet und in welcher Weise Verfahren missachtet, ja verachtet, werden. Unglaubwürdigkeit ist die Folge. Aus meiner Sicht mangelt es der Hochschulleitung an Respekt für die ihr anvertraute Hochschule. Ich kann mir im Grunde kaum vorstellen, dass ein Senat diese Art des Umgangs hinnehmen könnte, selbst diejenigen nicht, die die Neuausrichtung mittragen. Hier zeigt sich aber auch, was passieren kann, wenn ein System so strukturiert wird, dass Machtausübung faktisch ohne Kontrolle möglich ist, wie das hier der Fall ist. „Checks and balances“, das Ursystem von Gewaltenteilung, ein europäisches Erbe der politischen Aufklärung, wird hier, nicht erst seit April 2011, außer Kraft gesetzt. Das ist nicht die humanistische Universität für die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts - "Prunksätze des Zeitgeistes" (Ludwig Marcuse) - , sondern das Gegenteil davon. (Vertreten denn am Ende nur noch die Studentenvertreter die Prinzipien akademischer Freiheit und legitimierter Verfahren?)

Gerade die Mitglieder einer wissenschaftlichen Hochschule, die doch dem kritischen Geist verpflichtet sind (ja, das sind sie, denn davon lebt letztlich die Universität), gerade sie müssten doch die grundsätzliche Bedeutung dessen sehen, was hier geschieht. Wenn der Senat am Freitag so abstimmen sollte, wie die Hochschulleitung es sich wünscht, käme das in meinen Augen einer Selbstaufgabe der akademischen Selbstverwaltung gleich. Und außerdem: Den Geist der Universität macht nicht ein Gebäude aus, sondern die Haltung und das Tun derer, die dort Wissenschaft betreiben, lehren und studieren – und die Träger der akademischen Selbstverwaltung sind.

Nun tun Sie, was Sie in ihrer Verantwortung für die Universität für richtig halten – möge es das Richtige sein.

In diesem Sinne grüßt Sie

Helmut de Rudder,

den Sie getrost für einen Ewig-Gestrigen halten mögen.

Kommentare:

  1. Heute haben 48 Profs ihre Zustimmung zum Kompromiss per Brief geäußert. Dies zeigt klar die Meinungsverteilung auf dem Campus: Nur eine Minderheit will Keller wiederhaben. Viele der Unterzeichner stellen sich damit gegen den eigenen Dekan (3 von 4 wollen Neuausschreibung).

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  2. Wie viele Profs gibt es denn insgesamt in Lüneburg? Und da sind doch sicherlich viele Profs in Forschungssemester und gar nicht in Lüneburg. Diese können ja dann gar nicht unterschreiben.

    @Anonym 14:01: Wie genau sieht denn der Kompromiss aus? Wie viele, der von Dir mit 48 Profs bezeichneten Gruppe wollen eigentlich Keller als hauptamtlichen Vize-Präsident und wie viele wollen diesen Kompromiss?

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  3. Zu den 48 Profs, falls das überhaupt stimmen sollte: Da stellen sich doch gleich mehrere Fragen:
    Wo ist denn dieser Kompromiss entstanden? Zwischen wem? Wer ist hier auf die Position von wem zugegangen? Lief das im Senat ab? Falls ja, woher wissen dann 48 Profs davon? Werden hier Informationen zur Sache aus den Senat getragen? Oder unterschreiben hier Profs etwas, ohne den Sachstand zu wissen? Welche Aussagekraft hat dann eine solche Unterschrift?
    Wenn es nicht im Senat war: Werden hier nicht die Gespräche mit den falschen Menschen geführt? Muss doch der Senat und der Präsident zusammen eine Lösung finden.

    Ich kann es wenden wie ich will, die Geschichte wird einfach nicht rund. Weiß jemand etwas genaueres zu dieser Geschichte?

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  4. Vermuten wir doch mal, dass die 48 Profs die Lüneburger Landeszeitung lesen. Und diese wird offenbar seit Wochen von einer Person, die in den Senatssitzungen anwesend ist, mit Interna gefüttert.
    Zu folgendem Punkt:
    "Viele der Unterzeichner stellen sich damit gegen den eigenen Dekan."
    Das ist dieselbe Logik, als ob man sagen würde: "Viele der Dekane stellen sich damit gegen ihren eigenen Präsidenten."
    Meinungsfreiheit gilt für alle. Auch wenn das denen nicht passt, die meinen, den Anspruch auf Demokratie gepachtet zu haben.

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  5. Ich habe den Brief als stellvertretender Senator erhalten und kann dazu folgendes sagen:

    1) Die Formulierungen sind an den meisten Stellen reichlich schwammig, man kann teils von "Allgemeinplätzen" sprechen. Wer will zum Beispiel nicht das Beste für seine Uni?

    2) Es wird geschrieben, dass eine außerordentliche Sitzung durchgeführt werden sollte, ob zu einem Abschluss zu kommen. Da stellt sich die Frage, warum die Pro-Keller-Fraktion keine Abstimmung auf der letzten Senatssitzung herbeigeführt hat (berichtet Prof. Stoltenberg in der LZ). Gab es da etwa keine Mehrheit für Keller? Wissen eigentlich die UnterzeichnerInnen um diesen Umstand? Ist ihnen bekannt, dass der Präsident persönlich die vorletzte Sitzung (vor 14 Tagen) abgesagt hat, weil "kein Beratungsbedarf" gesehen wurde? Wissen sie, dass die außerordentliche Sitzung auf einen Freitag gelegt wurde? Fragen über Fragen.

    3) Unterschreibende SenatorInnen sind zwangsläufig in der Minderheit. Demnach kennen fast alle UnterzeichnerInnen die Diskussionen der letzten Wochen nicht, wie sie im Senat geführt wurden. So ist z.B. vollkommen unbekannt, ob und welche Vorschläge der Senat dem Präsidenten gemacht hat. Da stellt sich natürlich die Frage, wie ein Vorschlag von Spoun unterstützt werden kann, ohne das einordnen zu können.

    4) Der so genannte "Kompromiss" ist laut LZ ein Angebot des Präsidenten. Wäre es ein echter Kompromiss, hätte man sich darauf sicherlich einigen können. So ist es einfach ein Angebot von Spoun, dem ein Angebot des Senats gegenüber steht. Ich hoffe, von der Formulierung hat sich niemand der der UnterzeichnerInnen in die Irre leiten lassen (auch wenn das von den InitiatiorInnen sicher nicht beabsichtigt war).

    5) Es ist nicht zu übersehen, dass die ProfessorInnen der Fakultät Nachhaltigkeit deutlich überdurchschnittlich vertreten sind.

    So viel dazu. Jede und jeder möge seine eigene Einschätzung treffen.

    Meiner Meinung nach kann eine Teilzeitstelle für Keller keine Lösung sein. Er war in der Vergangenheit selten auf dem Campus gesehen, die eigentlichen Kanzleraufgaben wurden an andere Personen übertragen. Warum dafür jetzt mit einer gut abgesicherten Teilzeitstelle belohnen?

    Vor allem bleiben aber die Skandale, deren öffentliche Wirkung nicht von einer Vollzeit- oder Teilzeitstelle abhängen. Keller bezeichnete unsere Universität als "die schlechteste Universität Deutschlands". Er hat zahlreiche Nebentätigkeiten, ein diesbezüglicher Skandal um die Proportion GmbH (Libeskind-Fertighäuser) führte zum Rücktritt des Stiftungsratsvorsitzenden. Der war von Spoun, Keller und dem Ministerium unter Druck gesetzt worden, die Unbedenklichkeit der Nebentätigkeiten zu bescheinigen. Er wollte aber keinen "Persilschein" ausstellen. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen und ich bin sicher, das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Eine öffentliche Institution muss immer auch darauf achten, dass ihr Ruf gewahrt wird. Da ist es schon angebracht, auch nur den Verdacht auf ein Geschmäckle gar nicht erst aufkommen zu lassen. Im Falle Holm Keller ist ein Geschmäckle das Mindeste, von dem man hier sprechen kann.

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  6. Weise Worte, lieber Herr de Rudder.

    Wenn ich mich recht entsinne waren Sie derjenige, der ein Wahlergebnis der Studierenden umgehend an die Polizei weitergeleitet hatten, damit sie diese Personen gleich schon einmal kennt. Zugegeben, das ist viele Jahre her - aber es ehrt umso mehr, dass sie nun die Studierendenvertreter_innen so loben.

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  7. Eine Koalition der Gegner einzugehen, würde der Studierendenschaft in diesem Fall wohl eher schaden, denn nutzen. Aber soweit wird man sicherlich denken, nicht wahr?

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