Dienstag, 10. Mai 2011

Spoun schreibt an Leuphana

Der derzeitige Präsident der Leuphana Universität Lüneburg hat sich in einer eMail an seine Institution gewandt. Wir drucken das zeithistorische Dokument unverändert ab.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Studierende,

in den vergangenen Wochen ist sowohl in unserer Universität als auch in einer breiten Öffentlichkeit intensiv über die Frage einer Verlängerung der Amtszeit des Präsidenten und des hauptberuflichen Vizepräsidenten diskutiert worden. Nach der Senatssitzung am 6. April sowie zwei Aussprachen des Senats am 13. und 27. April freut es mich außerordentlich, Ihnen nun mitteilen zu können, dass ein Vorschlag, zu dem für heute aus der Mitte des Senats zu einer Sitzung geladen wurde, eine Mehrheit gefunden hat.

Nachdem ich die Wahl für eine zweite Amtszeit als Präsident bereits im April angenommen hatte, haben die Senatorinnen und Senatoren heute entschieden, auch die Zusammenarbeit mit Vizepräsident Holm Keller über das Jahr 2012 hinaus fortzusetzen. Der Senat macht damit von seiner Möglichkeit Gebrauch, die Wiederwahl der hauptberuflichen Präsidiumsmitglieder ohne erneute Ausschreibung vorzunehmen. Gleichzeitig tritt der Senat ein für die Teilung der Stelle des hauptberuflichen Vizepräsidenten. Für die zweite Hälfte der Stelle soll eine Findungskommission eingerichtet werden.

Während des Wintersemesters konnte ich mit den Mitgliedern des Senats sowie weiteren Vertreterinnen und Vertretern aller Statusgruppen wertvolle Gespräche zur bisherigen und zukünftigen Entwicklung der Leuphana Universität Lüneburg führen. Auf Grundlage dieser konstruktiven Gespräche hatte ich mich entschlossen, für eine Wiederbestellung gern zur Verfügung zu stehen. Gleichzeitig habe ich von Anfang an deutlich gemacht, dass die Fortsetzung meiner Arbeit in Lüneburg gewisse Arbeitsbedingungen erfordert, die aus meiner Sicht für die zukünftige Entwicklung der Leuphana Universität Lüneburg im Hinblick auf die vor uns liegenden weiterhin großen Herausforderungen und Projekte, die erfolgreiche Fortführung des eingeschlagenen Weges und die harte Konkurrenz durch andere Hochschulen unerlässlich erscheinen.

Zu diesen notwendigen Arbeitsbedingungen gehörte, dass auch Holm Keller als hauptamtlicher Vizepräsident für eine zweite Amtszeit zur Verfügung steht und entsprechend vom Senat bestellt wird. Der nun vom Senat bestätigte Vorschlag sieht vor, dass Holm Keller weiter als hauptberuflicher Vizepräsident für die Leuphana tätig sein, aber nur noch die Hälfte der Stelle ausfüllen wird. Er wird sich künftig auf Projekte der Universitätsentwicklung, insbesondere auf die Umsetzung der laufenden Großprojekte der Campusentwicklung und des Innovations-Inkubators konzentrieren. Ihm soll ab 2012 eine zweite Person als hauptberufliche Vizepräsidentin bzw. hauptberuflicher Vizepräsident zur Seite gestellt werden, die im Rahmen einer Findungskommission ausgewählt werden wird und sich auf die interne Entwicklung der Universität konzentrieren soll. Sie oder er wird die zweite Hälfte der Stelle ausfüllen und dem Präsidium ebenfalls nur zu 50 Prozent zur Verfügung stehen. Diese Lösung trägt sowohl den Erfordernissen der weiteren Universitätsentwicklung als auch den Wünschen des Senats Rechnung. Sie liegt dem Stiftungsrat nun zur Entscheidung vor.

Mit seiner Entscheidung bekräftigt der Senat den von der Universität eingeschlagenen Kurs einer grundlegenden Neuausrichtung, wie wir ihn in den letzten fünf Jahren in über 60 Senatssitzungen, zahlreichen Arbeitsgruppen, Berichten, Satzungen und Einzelleistungen konkretisiert und weiterentwickelt haben und wie er von den zuständigen Gremien getragen worden ist. Gemeinsam haben wir mit diesem Kurs eine erfolgreiche Entwicklung in Gang setzen können: Unser neues Studien- und Universitätsmodell mit College, Graduate School und Professional School wird vom Wissenschaftsrat als modellhaft für die weitere Entwicklung der Hochschullandschaft und des Bologna-Prozesses empfohlen. Mit einer deutlichen Steigerung der Landeszuweisungen gehen wir gestärkt in den sich zuspitzenden Wettbewerb der Hochschulen. Eine Profilierung in vier Wissenschaftsinitiativen und neuen Fakultäten stärkt das Forschungspotential unserer Universität. Die eingeworbenen Forschungsdrittmittel konnten bereits mehr als verdoppelt werden, die Anzahl der Publikationen hat sich verdreifacht. Die Universität hat heute über 20% mehr Beschäftigte als 2006 – beim wissenschaftlichen Personal beträgt die Steigerung sogar rund 25%. 35 Neuberufungen von Professorinnen und Professoren konnten seit 2008 bereits realisiert werden; mehr als 20 weitere Berufungsverfahren laufen derzeit, sieben neue Ausschreibungen befinden sich darüber hinaus in Vorbereitung. Hinzu kommen die weitreichenden Projekte des Innovations-Inkubators und der Campusentwicklung, mit denen wir in vielerlei Hinsicht Neuland betreten haben, um die infrastrukturellen Rahmenbedingungen für innovative Lehr- und Forschungskontexte zu schaffen. Aufbauend auf diesen erfreulichen Entwicklungen wie auch auf den vielen Ideen, Initiativen und Potentialen aller Universitätsmitglieder haben wir damit – wie ich finde – eine ausgezeichnete Ausgangsbasis für die nächsten Schritte.

Inhaltlich wie menschlich blicke ich vor diesem Hintergrund trotz oder gerade wegen aller Herausforderungen, die es zu meistern galt, bereits sehr dankbar auf die wahrscheinlich intensivsten Jahre meines bisherigen Lebenswegs zurück. Nicht immer waren wir sofort einer Meinung, das hat auch der Prozess der vergangenen Wochen gezeigt. Trotzdem haben wir gemeinsam bereits viel erreicht und uns immer auf einen für die Universität sinnvollen Weg verständigt. Die Leuphana Universität Lüneburg auf diesem Weg weiterzuentwickeln, ist mir daher nicht nur aus institutioneller, sondern auch aus ganz persönlicher Sicht alle nötigen Anstrengungen wert.

Diese gemeinsamen Anstrengungen werden auch in Zukunft nötig sein, denn die Gespräche der vergangenen Wochen haben mir auch verdeutlicht, dass wir in einzelnen Bereichen einen Verbesserungsbedarf haben, den wir nicht leugnen dürfen. So muss es uns gelingen, den Dialog über Ideen und Ziele der Universitätsentwicklung deutlich stärker zu führen, die Kommunikation zwischen den verschiedenen Einrichtungen, Gremien und Bereichen noch mehr zu intensivieren und die Systematik, Transparenz und Klarheit aller Prozesse voranzubringen. Für diese Ziele werde ich mich in der kommenden Zeit besonders einsetzen.

Darüber hinaus wird es darum gehen, schrittweise ein entspanntes, der Forschung und Lehre dienliches Zusammenspiel der seit dem letzten Semester eingerichteten vier Fakultäten, Schools und zentralen Dienste zu erreichen. Diesbezügliche Workshops mit den Dekanaten und den Schools haben bereits stattgefunden und sind auch in diesem Semester geplant. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass unsere Universität als akademische Gemeinschaft auf Augenhöhe noch weiter zusammenwächst, nicht nur durch gemeinsame Anlässe wie beispielsweise den Dies Academicus oder die Graduiertenfeiern. Auch der geplante Ausbau der Weiterqualifizierungsmöglichkeiten aller Mitarbeitenden in Wissenschaft und Verwaltung stellt eine wichtige Grundlage für diese Entwicklung dar.

Dass wir ebenfalls weitere Schritte zur Verbesserung der Lehre, der Entwicklung der Forschungskulturen und vielfältiger Transferaktivitäten in Berufspraxis und Zivilgesell-schaft erreichen müssen und wollen, ist unser eigener Anspruch und entspricht auch den an uns gerichteten Erwartungen. Dazu bieten die an so vielen Stellen vorhandenen Ideen und Initiativen, aber auch die im Rahmen der Neuausrichtung entstandene erfreuliche Außenwahrnehmung eine hervorragende Ausgangsbasis. Klar ist, dass die Aufgaben groß und die verschiedenen Ansprüche auch weiterhin hoch sind. Gemeinsam werden wir sie wie schon seit 2005 bewältigen.

Mein Dank gilt in besonderem Maße jenen unter Ihnen, die während der vergangenen vier Wochen den Mut bewiesen haben, sich hochschulintern klar zu äußern. Wenn Neues gewagt wird, findet sich immer leicht ein Anlass, um Kritik zu üben. Es ist dagegen nicht immer selbstverständlich, sich auch aktiv und positiv für eine Entwicklung einzusetzen und zu positionieren. Es ist dieser Mut, der auch mir die nötige Stärke gegeben hat, während der vergangenen Wochen zuzuhören und auch in schwierigen Situationen nach Kompromissen zu suchen. Ihr aktives Engagement bestärkt mich zusätzlich, gemeinsam mit allen Mitgliedern der Universität die nächsten Schritte für unsere Universität zu gehen.

Abschließend möchte ich Ihnen auch im Namen von Herrn Keller nochmals sehr herzlich danken für Ihr Vertrauen, Ihre Unterstützung, Ihren Zuspruch, Ihre Geduld, aber auch für Ihre konstruktive Kritik, Ihre berechtigten Zweifel und die vielen Anregungen. Bei vielen von Ihnen gründet diese Unterstützung auf der Erwartung, dass sich die verdienten Erfolge unserer gemeinsamen Reformanstrengungen nach außen wie auch verstärkt nach innen nur dann einstellen können, wenn wir nicht in erneute Grundsatzdiskussionen eintreten, sondern die konkreten Fragestellungen, die sich bei der Umsetzung des eingeschlagenen Kurses stellen, in konstruktiver Zusammenarbeit und im gemeinsamen Dialog lösen. Diesen Erwartungen fühle ich mich verpflichtet.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr

Sascha Spoun

Kommentare:

  1. Sehr guter Text. Quasi ein Friedensangebot, oder besser eine Regierungserklärung. Wo ist das Problem? Außer das einige Professoren und Studenten nach wie vor auf ihren eigenem Planeten leben wollen?

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  2. Wir können uns glücklich schätzen, diesen Präsidenten zu haben!

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  3. Bei so Floskeln wie „gemeinsamer Dialog“ kann doch nur gelacht werden. Herr Spoun ist von seinen Vorstellungen in der Vergangenheit doch nur dann abgerückt, wenn er zu anderen Positionen geprügelt wurde.

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  4. Bei der Heterogenität der Studiengänge wird es auch in absehbarer Zeit keine gemeinsame Universität geben. Hier müssen erst noch 2 weitere Studiengänge geschlossen werden bevor endlich Frieden herrscht. Gewisse Denkschulen werden erst mit dem ableben des letzten Vertreters selbigen überwunden. Noch sind die weltanschauliche Fundamente dieser Wissenschaftszweige derart entfernt, dass es nur ein „entweder oder“ geben wird. Jedoch nie ein gemeinsames „Leuphana“.
    Lasst uns endlich die Fakultäten N und K, also die Kulturwissenschaften und die Umweltwissenschaften streichen! Ohne die Studierende und Dozenten aus diesen beiden Bereiche hätte es doch schon längst den Frieden geben. Das sind doch die Brutnester der Brandstifter.

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  5. An einer Stelle hat er sich verschrieben, Korrektur in Großbuchstaben:

    "Nicht immer waren wir sofort MEINER Meinung, das hat auch der Prozess der vergangenen Wochen gezeigt."

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  6. Der Brief ist ehrlich und zeigt, dass es an uns allen liegt eine Uni zu werden, die diskutiert und sich nicht attackiert.
    Vielen Dank Herr Spoun, für diesen Brief.

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  7. Es wird zeit, dass die Leute beim "ASTA" merken, dass sie hier so viel gutes zerstören. Herr Spoun macht immer wieder einen Versuch offen mit allen an der Uni umzugehen und die suchen und finden immer was um DAGEGEN zu sein.
    @8:32 du hast ja so recht!

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  8. "Herr Spoun macht immer wieder einen Versuch offen mit allen an der Uni umzugehen"
    Diesen Satz nach den letzten vier Wochen zu schreiben sprengt bereits die Grenzen der Realsatire.

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  9. Spoun den Spiegel vorhalten13. Mai 2011 um 20:24

    "Mein Dank gilt in besonderem Maße jenen unter Ihnen, die während der vergangenen vier Wochen den Mut bewiesen haben, sich hochschulintern klar zu äußern. Wenn Neues gewagt wird, findet sich immer leicht ein Anlass, um Kritik zu üben. Es ist dagegen nicht immer selbstverständlich, sich auch aktiv und positiv für eine Entwicklung einzusetzen und zu positionieren."

    Deshalb waren wir auch für eine Stellenausschreibung mit Findungskommission. Das wäre für Herrn Spoun mal was Neues gewesen. Leider war es nicht selbstverständlich, sich aktiv und positiv für eine Entwicklung und etwas Neues einzusetzen.

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